Die Vorausbestimmung (oder Prädestination) ist eines der zentralen und charakteristischsten Lehrstücke des Calvinismus.
Im Kern besagt diese Lehre, dass Gott von Ewigkeit her souverän und unabänderlich beschlossen hat, wer zum ewigen Heil (Erwählung) und wer zur ewigen Verdammnis (Verwerfung) bestimmt ist.
Diese Lehre wird oft mit dem Akronym TULIP zusammengefasst, das die fünf Punkte des Calvinismus darstellt. Der erste und grundlegende Punkt ist dabei die Prädestination:
TULIP im Detail:
- T – Totale Verderbtheit (Total Depravity):
Der Mensch ist durch die Sünde so vollständig verdorben, dass er aus eigenem Willen nicht fähig ist, Gott zu erwählen oder sich für ihn zu entscheiden. Sein Wille ist in Bezug auf das Heil versklavt. - U – Unbedingte Erwählung (Unconditional Election):
Weil der Mensch sich nicht selbst retten kann, beruht die Erwählung einzig und allein auf Gottes souveränem Willen und nicht auf irgendeinem vorhergesehenen Verdienst, Glauben oder guten Werk des Menschen. Sie ist „bedingungslos“. - L – Begrenzte Sühne (Limited Atonement):
Christus ist nicht mit der Absicht gestorben, alle Menschen ohne Ausnahme zu erlösen, sondern nur um die Sünden der Erwählten zu sühnen. Sein Opfer ist wirksam und sicher in seiner Anwendung auf die, die Gott erwählt hat. - I – Unwiderstehliche Gnade (Irresistible Grace):
Wenn Gott einen Erwählten durch den Heiligen Geist beruft, kann dieser diesen Ruf nicht endgültig ablehnen. Der Geist überwindet den widerstrebenden Willen und bewirkt die Wiedergeburt und den rettenden Glauben. - P – Beharrlichkeit der Heiligen (Perseverance of the Saints):
Die von Gott Erwählten können nicht vom Glauben abfallen und die Erlösung endgültig verlieren. Gott bewahrt sie durch seine Kraft, sodass sie im Glauben bis zum Ende beharren.
Die doppelte Prädestination
Eine besonders umstrittene Konsequenz dieser Lehre ist die Vorstellung der doppelten Prädestination:
- Gott erwählt aktiv einige zur Rettung (Erwählung).
- Gott beschließt aktiv, die Übrigen in ihrer Sünde und Verderbtheit zu lassen und sie der gerechten Verdammnis zu übergeben (Verwerfung).
Wichtig ist calvinistischen Theologen zufolge, dass dies nicht als eine „böse“ Handlung Gottes verstanden wird, sondern als Ausdruck seiner gerechten Souveränität.
Die Verdammnis ist die gerechte Strafe für die Sünde des Menschen, während die Errettung ein reines Geschenk der Gnade ist, das niemandem geschuldet wird.
Zusammenfassung
Der Calvinismus lehrt nicht nur die Vorausbestimmung, sondern macht sie zum fundamentalen Grundpfeiler seines Systems.
Gott ist absolut souverän in der Erlösung, und der Mensch hat keinen aktiven, entscheidenden Anteil daran.
Dies steht im Gegensatz zu anderen theologischen Traditionen, wie dem Arminianismus, der eine auf Vorherwissen gegründete Erwählung lehrt, bei der der menschliche Glaube eine Rolle spielt.
Historischer Hintergrund: Entwickelt wurde diese Lehre maßgeblich von Johannes Calvin (1509-1564) in seiner Schrift:
„Institutio Christianae Religionis“ (Unterricht in der christlichen Religion).
Sie wurde in den reformierten Bekenntnisschriften, wie dem Westminster Bekenntnis, verankert.
Ja, nach calvinistischer Theologie umfasst die Vorsehung Gottes und seine Souveränität auch Ereignisse wie Erdbeben, Kriege und alle anderen Geschehnisse in der Welt.
Allerdings ist es hier wichtig, einen feinen, aber entscheidenden Unterschied zu machen:
- Bei der Prädestination (Heilsvorherbestimmung) geht es spezifisch um Gottes ewigen Ratschlusse zur Erlösung von Menschen. Dies ist ein heilsgeschichtlicher Akt.
- Bei der Vorsehung (Providentia) geht es um Gottes fortwährendes Wirken, durch das er alle Dinge erhält, regiert und zu seinem von Ewigkeit her festgelegten Ziel führt.
Dies umfasst jedes Detail der Schöpfung, einschließlich Naturereignisse und menschlicher Handlungen.
Die Calvinistische Sicht auf Kriege, Erdbeben usw.
Im Calvinismus wird alles, was geschieht, unter der absoluten Souveränität Gottes gesehen. Nichts geschieht zufällig oder außerhalb seiner Kontrolle. Dies wird oft als „Allwirksamkeit“ Gottes bezeichnet.
Johannes Calvin selbst unterschied in seiner Vorsehungslehre zwischen einem allgemeinen Wirken (durch Naturgesetze) und einem besonderen Wirken (spezielles Eingreifen).
Aber auch die Naturgesetze funktionieren nur, weil Gott sie jeden Moment wirken lässt.
Wie passt das zusammen?
- Gott ist die ultimative Ursache, aber nicht die direkte Ursache des Bösen.
Calvinisten argumentieren, dass Gott Ereignisse wie Kriege oder Naturkatastrophen zulässt und sie souverän in seinen Plan einordnet, ohne selbst der Urheber der Sünde zu sein.
Er lenkt die bösen Absichten der Menschen und die Kräfte der Natur, um seine eigenen gerechten und weisen Ziele zu erreichen.- Beispiel aus der Bibel: Das klassische Beispiel ist die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern.
Die Brüder handelten aus böser Gesinnung, als sie Joseph verkauften. Doch Joseph sagt am Ende: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“
(1. Mose 50,20). Das gleiche Ereignis hatte eine böse menschliche Ursache und wurde dennoch von Gott souverän zu einem guten Zweck gelenkt.
- Beispiel aus der Bibel: Das klassische Beispiel ist die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern.
- Der Zweck bleibt oft ein Geheimnis. Während der Calvinist fest daran glaubt, dass auch ein Erdbeben oder ein Krieg unter Gottes souveräner Kontrolle steht, räumt er demütig ein,
dass die Gründe dafür oft für den menschlichen Verstand verborgen sind. Sie können Gericht, Läuterung, Warnung oder die Führung der Geschichte zu einem größeren Ziel sein, das wir nicht vollständig verstehen können.
Zusammenfassung der Unterscheidung
| Aspekt | Prädestination (Heilsvorherbestimmung) | Vorsehung (Allgemeine Souveränität) |
| Was? | Spezifisch die Erwählung zur Erlösung | Allumfassende Kontrolle über alle Ereignisse |
| Bereich | Geistlich, Heilsgeschichte | Universell, die gesamte Schöpfung |
| Fokus | Wer wird gerettet? | Wie regiert Gott die Welt? |
| Beispiel | „Gott hat mich erwählt.“ | „Gott kontrolliert den Sturm.“ |
Fazit:
Der Calvinismus lehrt also, dass Gott nicht nur die Ewigkeit der Menschen vorherbestimmt, sondern auch jedes Ereignis in der Geschichte, einschließlich Erdbeben und Kriege,
souverän lenkt.
Diese Ereignisse fallen unter seine Vorsehung, während die Erwählung zur Erlösung unter die spezielle Prädestination fällt.
Beide sind Ausdrücke seiner absoluten Souveränität.