πορνεία (porneia) und μοιχεία (moicheia) sind nicht dasselbe Wort.
Zitat von Hans Peter Wepf am 9. September 2026, 15:36 Uhr
webrecherchiert. wf
πορνεία (porneia) und μοιχεία (moicheia) sind nicht dasselbe Wort.
Der Akt der Unzucht und die Wiederheirat nach Entlassung werden in den Evangelien und bei Paulus
unterschiedlich behandelt
– und Matthäus steht dabei nicht einfach gleich mit Markus, Lukas und 1. Korinther 7.1. Die zwei Wortfelder
πορνεία (porneia, von πόρνη pornē = Hure)
Weiterer Begriff:
Unzucht, Hurerei, illegitime Sexualität. Kann Prostitution, vorehelichen Verkehr, Inzest, manchmal auch eheliche Untreue umfassen.μοιχεία / μοιχεύω / μοιχάομαι / μοιχαλίς
(moicheia / moicheuō / moichaomai / moichalis)
Engerer Begriff: Ehebruch – Verletzung einer bestehenden Ehe.Sie stehen oft nebeneinander, nicht als Synonyme:
- Matthäus 15,19: μοιχεῖαι, πορνεῖαι
- Korinther 6,9: οὔτε πόρνοι … οὔτε μοιχοί – weder Hurer noch Ehebrecher
Wenn Jesus oder Paulus „Ehebruch“ sagen, meinen sie in der Regel das zweite Wortfeld.
Wenn sie den Grund einer Entlassung oder die Sünde ausserhalb der Ehe nennen, steht oft das erste.
2. Die Evangelien: der Akt und die neue Ehe
Der Akt selbst (auch ohne Vollzug)
Matthäus 5,27–28:
Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, hat schon ἐμοίχευσεν
(emoicheusen – Ehebruch begangen) mit ihr in seinem Herzen.Hier ist der innere Akt bereits μοιχεία, nicht erst der körperliche Vollzug.
Entlassung + Wiederheirat = μοιχεία
Markus 10,11–12 (keine Ausnahme):
ὃς ἂν ἀπολύσῃ τὴν γυναῖκα αὐτοῦ καὶ γαμήσῃ ἄλλην μοιχᾶται ἐπ’ αὐτήν.
Und wenn sie den Mann entlässt und einen anderen heiratet, μοιχᾶται.Lukas 16,18
(keine Ausnahme):
πᾶς ὁ ἀπολύων τὴν γυναῖκα αὐτοῦ καὶ γαμῶν ἑτέραν μοιχεύει, καὶ ὁ ἀπολελυμένην ἀπὸ ἀνδρὸς γαμῶν μοιχεύει.Wer entlässt und eine andere heiratet, bricht die Ehe.
Wer eine Entlassene heiratet, bricht die Ehe.
Die neue Verbindung selbst wird als μοιχεία bezeichnet, weil das erste Band vor Gott nicht aufgelöst ist.Nur Matthäus hat die Porneia-Klausel
Matthäus 5,32:
πᾶς ὁ ἀπολύων τὴν γυναῖκα αὐτοῦ παρεκτὸς λόγου πορνείας ποιεῖ αὐτὴν μοιχευθῆναι, καὶ ὃς ἐὰν ἀπολελυμένην γαμήσῃ μοιχᾶται.Jeder, der seine Frau entlässt, ausser aufgrund von porneia, macht, dass sie der Ehebruch angetan wird (Passiv μοιχευθῆναι). Und wer eine Entlassene heiratet, μοιχᾶται.
Matthäus 19,9:
ὃς ἂν ἀπολύσῃ τὴν γυναῖκα αὐτοῦ μὴ ἐπὶ πορνείᾳ καὶ γαμήσῃ ἄλλην μοιχᾶται.Wer entlässt nicht auf Grund von porneia und eine andere heiratet, μοιχᾶται.
Beachtenswert:
- Der Grund der Ausnahme heißt πορνεία, nicht μοιχεία.
- Die Folge der unberechtigten Entlassung + Wiederheirat heißt μοιχεία.
- Markus und Lukas kennen diese Klausel nicht.
Was porneia in der Klausel genau meint, ist umstritten
(Untreue der Frau; Unzucht in der Verlobungszeit; ungültige/inzestuöse Verbindung nach 3. Mose 18).
Der Text selbst setzt jedenfalls porneia und moicheia nicht einfach gleich.Der Herr Jesus redet hier in die jüdische Scheidungspraxis hinein
(5. Mose 24; Streit Hillel/Schammai: „irgendein Grund“ gegen „Unzucht“).
Er führt auf 1. Mose 2,24 zurück:
Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.
3. 1. Korinther 7: der Akt der Hurerei und die Bindung der Ehe
Der Akt der πορνεία
- Korinther 7,2: διὰ τὰς πορνείας (dia tas porneias)
– wegen der Unzuchtsfälle habe jeder seine eigene Frau.Hier ist πορνεία der sexuelle Akt ausserhalb der Ehe
(vgl. Kap. 5: Inzest; Kap. 6: Verkehr mit der Hure – „flieht die Unzucht“, φεύγετε τὴν πορνείαν).
Dagegen hilft die Ehe.
Das ist „nur“ der Akt der Hurerei im weiten Sinn – nicht die Frage der Wiederheirat.Die Ehe von Gläubigen – „nicht ich, sondern der Herr“
- Korinther 7,10–11:
τοῖς δὲ γεγαμηκόσιν παραγγέλλω, οὐκ ἐγὼ ἀλλὰ ὁ κύριος, γυναῖκα ἀπὸ ἀνδρὸς μὴ χωρισθῆναι·
ἐὰν δὲ καὶ χωρισθῇ, μενέτω ἄγαμος ἢ τῷ ἀνδρὶ καταλλαγήτω· καὶ ἄνδρα γυναῖκα μὴ ἀφιέναι.Den Verheirateten gebiete nicht ich, sondern der Herr:
Eine Frau soll sich nicht vom Mann trennen (chōristhēnai). Wenn sie sich aber doch getrennt hat, bleibe sie unverheiratet (menetō agamos) oder versöhne sich mit dem Mann.
Und der Mann soll die Frau nicht entlassen (aphienai).Paulus beruft sich ausdrücklich auf ein Herrenwort.
Inhaltlich steht das näher bei Markus/Lukas als bei der matthäischen Ausnahme:
- keine Porneia-Klausel
- nach Trennung nur zwei Wege: unverheiratet bleiben oder Versöhnung
- keine Erlaubnis, einen Dritten zu heiraten
Die Mischehe – „ich, nicht der Herr“
- Korinther 7,12–15:
τοῖς δὲ λοιποῖς λέγω ἐγώ, οὐχ ὁ κύριος …
εἰ δὲ ὁ ἄπιστος χωρίζεται, χωριζέσθω. οὐ δεδούλωται ὁ ἀδελφὸς ἢ ἡ ἀδελφὴ ἐν τοῖς τοιούτοις.Den Übrigen sage ich, nicht der Herr.
Wenn der Ungläubige sich trennt, so trenne er sich.
Der Bruder oder die Schwester ist in solchen Fällen nicht versklavt (ou dedoulōtai).Das ist zusätzliche apostolische Anordnung für eine Lage,
die im irdischen Wirken Jesu unter Israel so nicht vorlag
(Gläubiger + Ungläubiger nach dem Evangelium unter den Nationen).
Ob „nicht versklavt“ Wiederheirat einschließt, sagt der Vers selbst nicht ausdrücklich;
er löst die Knechtschaft, bei dem Ungläubigen bleiben zu müssen.Die Bindung bis zum Tod
- Korinther 7,39:
γυνὴ δέδεται ἐφ’ ὅσον χρόνον ζῇ ὁ ἀνὴρ αὐτῆς· ἐὰν δὲ κοιμηθῇ ὁ ἀνήρ, ἐλευθέρα ἐστὶν ᾧ θέλει γαμηθῆναι, μόνον ἐν κυρίῳ.Eine Frau ist gebunden (dedetai), solange ihr Mann lebt.
Wenn der Mann entschlafen ist, ist sie frei, zu heiraten,
wen sie will – nur im Herrn.Das ist dieselbe Linie wie Römer 7.
4. Römer 7,2–3
ἡ γὰρ ὕπανδρος γυνὴ τῷ ζῶντι ἀνδρὶ δέδεται νόμῳ· ἐὰν δὲ ἀποθάνῃ ὁ ἀνήρ, κατήργηται ἀπὸ τοῦ νόμου τοῦ ἀνδρός.
ἄρα οὖν ζῶντος τοῦ ἀνδρὸς μοιχαλὶς χρηματίσει ἐὰν γένηται ἀνδρὶ ἑτέρῳ·
ἐὰν δὲ ἀποθάνῃ ὁ ἀνήρ, ἐλευθέρα ἐστὶν ἀπὸ τοῦ νόμου, τοῦ μὴ εἶναι αὐτὴν μοιχαλίδα γενομένην ἀνδρὶ ἑτέρῳ.Die verheiratete Frau ist durch Gesetz an den lebenden Mann gebunden.
Stirbt der Mann, ist sie von dem Gesetz des Mannes losgemacht.
Also: Solange der Mann lebt, wird sie Ehebrecherin genannt (moichalis chrēmatisei),
wenn sie eines anderen Mannes wird.
Stirbt der Mann, ist sie frei vom Gesetz, sodass sie keine Ehebrecherin ist, wenn sie eines anderen Mannes wird.Paulus gebraucht das als Bild für das Absterben dem Gesetz.
Das Bild selbst setzt aber voraus:
- das Band gilt bis zum Tod
- eine neue Verbindung bei lebendigem Mann = μοιχαλίς
- erst der Tod gibt Freiheit zur neuen Ehe
Keine Porneia-Ausnahme in diesem Abschnitt.
5. Die Unterscheidung zusammengefasst
Akt der Hurerei (πορνεία) Wiederheirat nach Entlassung Evangelien Begehren schon μοιχεία im Herzen (Mt 5,28). Körperliche Unzucht ist Sünde. Entlassen + andere heiraten = μοιχεία (Mk 10; Lk 16). Bei Mt. Ausnahme «ausser porneia», aber die neue Ehe heisst trotzdem μοιχεία, wenn die Ausnahme nicht greift. Heirat einer Entlassenen = μοιχεία. 1. Korinther 5–7 Konkrete Taten: Inzest, Hure, Unzucht vermeiden durch Ehe (7,2). Gemeindezucht. Gläubige Ehe: Herrenwort – trennen nicht; wenn getrennt, unverheiratet bleiben oder versöhnen (7,10–11). Bindung bis zum Tod (7,39). Extra-Wort nur für Weggang des Ungläubigen (7,15). Römer 7 — Bei lebendigem Mann einem anderen gehören = μοιχαλίς. Freiheit erst durch Tod. Kurz:
- „Nur“ der Akt der Hurerei ist πορνεία: illegitime Sexualität.
Davon redet Paulus in 1. Korinther 5–7,2.6 ausführlich.- Ehebruch im Sinn der Evangelien
ist oft mehr als dieser Akt:
Die neue Ehe nach Entlassung wird selbst als μοιχεία gewertet, weil Gott das erste Band nicht als gelöst ansieht.- Paulus zitiert das Herrenwort für Gläubigen-Ehen ohne die matthäische Klausel und schliesst Wiederheirat mit einem Dritten dort aus (bleiben ἄγαμος oder Versöhnung).
- Römer 7 und 1. Korinther 7,39 nennen als regulären Endpunkt der Bindung den Tod, nicht die Scheidung.
Die Texte lassen sich also nicht einfach ineinander schieben:
Matthäus redet in eine innerjüdische Rechtsfrage mit Ausnahmeklausel;
Markus, Lukas und das von Paulus angeführte Herrenwort tun das nicht;
Paulus fügt für die Gemeinde unter den Nationen noch den Fall des weggehenden Ungläubigen hinzu.-*-
Porneia-Bedeutung in Matthäus im Judentum
Der Wortlaut
Matthäus 5,32
παρεκτὸς λόγου πορνείας (parektos logou porneias)
„außer aufgrund von porneia“Matthäus 19,9
μὴ ἐπὶ πορνείᾳ (mē epi porneia)
„nicht auf Grund von porneia“Unmittelbar daneben steht jeweils μοιχεία für die Folge unberechtigter
Entlassung und Wiederheirat: ποιεῖ αὐτὴν μοιχευθῆναι / μοιχᾶται.Dazu kommt Matthäus 15,19:
aus dem Herzen kommen μοιχεῖαι, πορνεῖαι – Ehebrüche und Unzuchten nebeneinander.
Derselbe Evangelist unterscheidet die Wörter also.Markus 10, Lukas 16 und das von Paulus zitierte Herrenwort (1. Korinther 7,10–11)
haben die Klausel nicht.
Was πορνεία lexikalisch tragen kann
Das Wort kommt von πόρνη (pornē, Hure). Im NT deckt es ab:
- Prostitution, käuflichen Verkehr (1. Kor 6,13–18)
- Inzest (1. Kor 5,1: jemand hat die Frau des Vaters
– und solche porneia gibt es nicht einmal unter den Nationen)- Unzucht Unverheirateter
- in Listen oft neben μοιχεία
- bildlich Götzendienst (Offenbarung)
Es kann eheliche Untreue mitumfassen, tut es aber nicht automatisch.
Deshalb die Frage: Warum hier nicht μοιχεία, wenn einfach „Ehebruch der Frau“ gemeint wäre?
Vier Hauptlesarten
1. Eheliche Untreue (die Mehrheitslesart)
Porneia =
sexueller Verkehr der Frau mit einem anderen während der Ehe.
Die Klausel erlaubt Entlassung (und oft wird Wiederheirat des Unschuldigen mitgedacht).Dafür:
Im jüdischen Alltag war die Untreue der Frau der klassische „Grund“.
Schammai begrenzte 5. Mose 24,1 (erwat davar) auf Unzucht;
Hillel erlaubte „jede Sache“.
Matthäus 19 spielt genau in diesem Streit.
Viele Lexika setzen für Mt 5,32 / 19,9 „Untreue der Ehefrau“ an.Dagegen:
Dann bleibt unklar, warum Matthäus nicht μοιχεία schreibt
– dasselbe Wort, das er zwei Verse vorher (5,27–28) und im selben Satz als Folge gebraucht.
In 15,19 trennt er die Begriffe.
Markus, Lukas und Paulus kennen diese Ausnahme nicht;
eine so zentrale Erlaubnis hätte man erwarten können.Diese Lesart macht aus der Klausel genau das,
was viele Gemeinden daraus gemacht haben:
Scheidung und Wiederheirat wegen Ehebruchs.2. Unzucht in der Verlobungszeit
(Betrothal-Sicht)Jüdische Ehe hatte zwei Stufen:
Erusin (Verlobung – die Frau heißt schon γυνή, „Frau“, Lösung nur durch Scheidebrief)
und Nissuin (Heimführung).
Josef und Maria:
Matthäus 1,18–19 – μνηστευθείσης, schwanger vor dem Zusammenleben;
Josef will sie entlassen (ἀπολῦσαι), und das ohne sie bloßzustellen.Porneia wäre dann die Unkeuschheit der noch nicht heimgeführten Frau.
Das ist Unzucht, nicht μοιχεία im Vollsinn der geschlossenen Ehe.
Josefs Lage wäre der erzählerische Schlüssel am Anfang desselben Evangeliums.Dafür:
Erklärt die Wortwahl: πορνεία (Unkeuschheit vor der Vollziehung),
nicht μοιχεία.
Passt zur jüdischen Rechtslage.
Finegan (2026) argumentiert, dass „Frau“ + „Entlassung“ + Gegenüberstellung
zu μοιχεία im matthäischen Rahmen gerade auf vor-nissuin-Unzucht zielt.
5. Mose 22,13–21 kennt genau den Fall „keine Jungfrau gefunden“.Dagegen:
Die Szene in Kapitel 19 handelt von verheirateten Männern, die fragen:
Darf man entlassen?
Der unmittelbare Kontext klingt nach bestehender Ehe, nicht nach Verlobung.
Ob die ersten Hörer automatisch an Erusin dachten, ist nicht zwingend.Bei dieser Lesart löst die Klausel keine vollzogene Ehe auf.
Sie betrifft eine Verbindung, die rechtlich schon „Ehe“ hieß,
aber noch nicht ein Fleisch im Sinn von 1. Mose 2,24 geworden war.3. Ungültige / inzestuöse Verbindung (verbotene Verwandtschaftsgrade)
Porneia = eine „Ehe“, die nach 3. Mose 18 von Anfang an verboten ist
(nahe Verwandtschaft, Schwägerschaft).
Qumran (Damaskusschrift) gebraucht hebräisch zenut (LXX oft πορνεία)
genau für solche verbotenen Verbindungen.
Apostelgeschichte 15,20.29 stellt
πορνεία neben Götzenopfer, Blut, Ersticktes – eine Reihe, die sich an 3. Mose 17–18 anlehnt.
1. Korinther 5,1 nennt inzestuöses Zusammenleben πορνεία.Dann wäre die Klausel keine Erlaubnis, eine gültige Ehe wegen Untreue aufzulösen,
sondern die Feststellung:
Eine nie gültige Verbindung darf (muss) gelöst werden.
Vergleich oft: Herodes / Herodias (Markus 6)
– Johannes tadelt nicht „Scheidung“, sondern dass die Verbindung selbst Unrecht ist.Dafür:
Erklärt, warum nur Matthäus die Klausel hat (jüdisch-christliche Gemeinde, Heiden,
die mit verbotenen Verbindungen kamen).
Erklärt das Fehlen bei Markus, Lukas und in 1. Korinther 7,10–11.
Fitzmyer u. a. haben den Qumran-Beleg stark gemacht.
F. F. Bruce hält diese technische Bedeutung in Apg 15 und Mt 5/19 für möglich.Dagegen:
In Matthäus 19 fragen die Pharisäer nach Entlassung der Frau, nicht nach Nichtigerklärung einer von Anfang an ungültigen Verbindung.
Der Satzbau liest sich für die meisten Hörer zuerst als Ausnahme innerhalb einer Ehe. Ob jede Gemeinde πορνεία sofort als „3. Mose 18“ hörte, ist unsicher; das Wort ist breiter.Hier gibt es keine Wiederheirat nach gültiger Ehe, weil es die gültige Ehe in diesem Fall nie gab.
4. Weite Unzucht, die das Eine-Fleisch zerstört
Porneia = jede schwere sexuelle Unmoral (Untreue, Prostitution, andauernde Unzucht), die den Bund praktisch zerbricht. Die Klausel wäre dann eine echte Ausnahme für Scheidung (manchmal auch Wiederheirat) des Unschuldigen.
Dafür:
Entspricht dem breiten lexikalischen Gebrauch und der pastoralen Praxis vieler evangelischer Ausleger.Dagegen:
Macht aus Matthäus etwas, das Markus, Lukas und Paulus so nicht sagen. Verwischt die von Matthäus selbst gezogene Linie zwischen πορνεία und μοιχεία. Je weiter man das Wort zieht, desto mehr wird die Klausel zur allgemeinen Scheidungserlaubnis – gegen den Duktus von 19,4–8 (von Anfang an; was Gott zusammengefügt hat).
Was der Text selbst festlegt – und was nicht
Fest steht:
- Matthäus wählt πορνεία, nicht μοιχεία.
- Dieselbe Schrift unterscheidet beide Wörter (15,19).
- Die Folge unberechtigter neuer Ehe bleibt μοιχεία.
- Die Klausel steht nur bei Matthäus.
- Jesu Begründung in 19,4–8 geht auf die Schöpfung, nicht auf 5. Mose 24 als Ideal.
Nicht fest steht mit letzter Sicherheit, welche der drei engeren Bedeutungen (Untreue / Verlobung / ungültige Verwandtenehe) Matthäus allein meint. Die Wortwahl spricht gegen eine einfache Gleichsetzung „porneia = Ehebruch“. Die Verlobungs- und die Inzest-Lesart erklären besser, warum das Wort wechselt und warum die anderen Zeugen die Klausel nicht haben.
Grammatisch ist noch ein Nebenpunkt:
Allen Guenther unterscheidet παρεκτὸς in 5,32 (echte Ausnahme) und μὴ ἐπὶ in 19,9 (eher: porneia als eigenen Fall ausnehmen, nicht in denselben Satz ziehen).
Das würde 19,9 noch weniger zu einer allgemeinen Wiederheiratserlaubnis machen.

webrecherchiert. wf
πορνεία (porneia) und μοιχεία (moicheia) sind nicht dasselbe Wort.
Der Akt der Unzucht und die Wiederheirat nach Entlassung werden in den Evangelien und bei Paulus
unterschiedlich behandelt
– und Matthäus steht dabei nicht einfach gleich mit Markus, Lukas und 1. Korinther 7.
1. Die zwei Wortfelder
πορνεία (porneia, von πόρνη pornē = Hure)
Weiterer Begriff:
Unzucht, Hurerei, illegitime Sexualität. Kann Prostitution, vorehelichen Verkehr, Inzest, manchmal auch eheliche Untreue umfassen.
μοιχεία / μοιχεύω / μοιχάομαι / μοιχαλίς
(moicheia / moicheuō / moichaomai / moichalis)
Engerer Begriff: Ehebruch – Verletzung einer bestehenden Ehe.
Sie stehen oft nebeneinander, nicht als Synonyme:
- Matthäus 15,19: μοιχεῖαι, πορνεῖαι
-
- Korinther 6,9: οὔτε πόρνοι … οὔτε μοιχοί – weder Hurer noch Ehebrecher
Wenn Jesus oder Paulus „Ehebruch“ sagen, meinen sie in der Regel das zweite Wortfeld.
Wenn sie den Grund einer Entlassung oder die Sünde ausserhalb der Ehe nennen, steht oft das erste.
2. Die Evangelien: der Akt und die neue Ehe
Der Akt selbst (auch ohne Vollzug)
Matthäus 5,27–28:
Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, hat schon ἐμοίχευσεν
(emoicheusen – Ehebruch begangen) mit ihr in seinem Herzen.
Hier ist der innere Akt bereits μοιχεία, nicht erst der körperliche Vollzug.
Entlassung + Wiederheirat = μοιχεία
Markus 10,11–12 (keine Ausnahme):
ὃς ἂν ἀπολύσῃ τὴν γυναῖκα αὐτοῦ καὶ γαμήσῃ ἄλλην μοιχᾶται ἐπ’ αὐτήν.
Und wenn sie den Mann entlässt und einen anderen heiratet, μοιχᾶται.
Lukas 16,18
(keine Ausnahme):
πᾶς ὁ ἀπολύων τὴν γυναῖκα αὐτοῦ καὶ γαμῶν ἑτέραν μοιχεύει, καὶ ὁ ἀπολελυμένην ἀπὸ ἀνδρὸς γαμῶν μοιχεύει.
Wer entlässt und eine andere heiratet, bricht die Ehe.
Wer eine Entlassene heiratet, bricht die Ehe.
Die neue Verbindung selbst wird als μοιχεία bezeichnet, weil das erste Band vor Gott nicht aufgelöst ist.
Nur Matthäus hat die Porneia-Klausel
Matthäus 5,32:
πᾶς ὁ ἀπολύων τὴν γυναῖκα αὐτοῦ παρεκτὸς λόγου πορνείας ποιεῖ αὐτὴν μοιχευθῆναι, καὶ ὃς ἐὰν ἀπολελυμένην γαμήσῃ μοιχᾶται.
Jeder, der seine Frau entlässt, ausser aufgrund von porneia, macht, dass sie der Ehebruch angetan wird (Passiv μοιχευθῆναι). Und wer eine Entlassene heiratet, μοιχᾶται.
Matthäus 19,9:
ὃς ἂν ἀπολύσῃ τὴν γυναῖκα αὐτοῦ μὴ ἐπὶ πορνείᾳ καὶ γαμήσῃ ἄλλην μοιχᾶται.
Wer entlässt nicht auf Grund von porneia und eine andere heiratet, μοιχᾶται.
Beachtenswert:
- Der Grund der Ausnahme heißt πορνεία, nicht μοιχεία.
- Die Folge der unberechtigten Entlassung + Wiederheirat heißt μοιχεία.
- Markus und Lukas kennen diese Klausel nicht.
Was porneia in der Klausel genau meint, ist umstritten
(Untreue der Frau; Unzucht in der Verlobungszeit; ungültige/inzestuöse Verbindung nach 3. Mose 18).
Der Text selbst setzt jedenfalls porneia und moicheia nicht einfach gleich.
Der Herr Jesus redet hier in die jüdische Scheidungspraxis hinein
(5. Mose 24; Streit Hillel/Schammai: „irgendein Grund“ gegen „Unzucht“).
Er führt auf 1. Mose 2,24 zurück:
Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.
3. 1. Korinther 7: der Akt der Hurerei und die Bindung der Ehe
Der Akt der πορνεία
- Korinther 7,2: διὰ τὰς πορνείας (dia tas porneias)
– wegen der Unzuchtsfälle habe jeder seine eigene Frau.
Hier ist πορνεία der sexuelle Akt ausserhalb der Ehe
(vgl. Kap. 5: Inzest; Kap. 6: Verkehr mit der Hure – „flieht die Unzucht“, φεύγετε τὴν πορνείαν).
Dagegen hilft die Ehe.
Das ist „nur“ der Akt der Hurerei im weiten Sinn – nicht die Frage der Wiederheirat.
Die Ehe von Gläubigen – „nicht ich, sondern der Herr“
- Korinther 7,10–11:
τοῖς δὲ γεγαμηκόσιν παραγγέλλω, οὐκ ἐγὼ ἀλλὰ ὁ κύριος, γυναῖκα ἀπὸ ἀνδρὸς μὴ χωρισθῆναι·
ἐὰν δὲ καὶ χωρισθῇ, μενέτω ἄγαμος ἢ τῷ ἀνδρὶ καταλλαγήτω· καὶ ἄνδρα γυναῖκα μὴ ἀφιέναι.
Den Verheirateten gebiete nicht ich, sondern der Herr:
Eine Frau soll sich nicht vom Mann trennen (chōristhēnai). Wenn sie sich aber doch getrennt hat, bleibe sie unverheiratet (menetō agamos) oder versöhne sich mit dem Mann.
Und der Mann soll die Frau nicht entlassen (aphienai).
Paulus beruft sich ausdrücklich auf ein Herrenwort.
Inhaltlich steht das näher bei Markus/Lukas als bei der matthäischen Ausnahme:
- keine Porneia-Klausel
- nach Trennung nur zwei Wege: unverheiratet bleiben oder Versöhnung
- keine Erlaubnis, einen Dritten zu heiraten
Die Mischehe – „ich, nicht der Herr“
- Korinther 7,12–15:
τοῖς δὲ λοιποῖς λέγω ἐγώ, οὐχ ὁ κύριος …
εἰ δὲ ὁ ἄπιστος χωρίζεται, χωριζέσθω. οὐ δεδούλωται ὁ ἀδελφὸς ἢ ἡ ἀδελφὴ ἐν τοῖς τοιούτοις.
Den Übrigen sage ich, nicht der Herr.
Wenn der Ungläubige sich trennt, so trenne er sich.
Der Bruder oder die Schwester ist in solchen Fällen nicht versklavt (ou dedoulōtai).
Das ist zusätzliche apostolische Anordnung für eine Lage,
die im irdischen Wirken Jesu unter Israel so nicht vorlag
(Gläubiger + Ungläubiger nach dem Evangelium unter den Nationen).
Ob „nicht versklavt“ Wiederheirat einschließt, sagt der Vers selbst nicht ausdrücklich;
er löst die Knechtschaft, bei dem Ungläubigen bleiben zu müssen.
Die Bindung bis zum Tod
- Korinther 7,39:
γυνὴ δέδεται ἐφ’ ὅσον χρόνον ζῇ ὁ ἀνὴρ αὐτῆς· ἐὰν δὲ κοιμηθῇ ὁ ἀνήρ, ἐλευθέρα ἐστὶν ᾧ θέλει γαμηθῆναι, μόνον ἐν κυρίῳ.
Eine Frau ist gebunden (dedetai), solange ihr Mann lebt.
Wenn der Mann entschlafen ist, ist sie frei, zu heiraten,
wen sie will – nur im Herrn.
Das ist dieselbe Linie wie Römer 7.
4. Römer 7,2–3
ἡ γὰρ ὕπανδρος γυνὴ τῷ ζῶντι ἀνδρὶ δέδεται νόμῳ· ἐὰν δὲ ἀποθάνῃ ὁ ἀνήρ, κατήργηται ἀπὸ τοῦ νόμου τοῦ ἀνδρός.
ἄρα οὖν ζῶντος τοῦ ἀνδρὸς μοιχαλὶς χρηματίσει ἐὰν γένηται ἀνδρὶ ἑτέρῳ·
ἐὰν δὲ ἀποθάνῃ ὁ ἀνήρ, ἐλευθέρα ἐστὶν ἀπὸ τοῦ νόμου, τοῦ μὴ εἶναι αὐτὴν μοιχαλίδα γενομένην ἀνδρὶ ἑτέρῳ.
Die verheiratete Frau ist durch Gesetz an den lebenden Mann gebunden.
Stirbt der Mann, ist sie von dem Gesetz des Mannes losgemacht.
Also: Solange der Mann lebt, wird sie Ehebrecherin genannt (moichalis chrēmatisei),
wenn sie eines anderen Mannes wird.
Stirbt der Mann, ist sie frei vom Gesetz, sodass sie keine Ehebrecherin ist, wenn sie eines anderen Mannes wird.
Paulus gebraucht das als Bild für das Absterben dem Gesetz.
Das Bild selbst setzt aber voraus:
- das Band gilt bis zum Tod
- eine neue Verbindung bei lebendigem Mann = μοιχαλίς
- erst der Tod gibt Freiheit zur neuen Ehe
Keine Porneia-Ausnahme in diesem Abschnitt.
5. Die Unterscheidung zusammengefasst
| Akt der Hurerei (πορνεία) | Wiederheirat nach Entlassung | |
|---|---|---|
| Evangelien | Begehren schon μοιχεία im Herzen (Mt 5,28). Körperliche Unzucht ist Sünde. | Entlassen + andere heiraten = μοιχεία (Mk 10; Lk 16). Bei Mt. Ausnahme «ausser porneia», aber die neue Ehe heisst trotzdem μοιχεία, wenn die Ausnahme nicht greift. Heirat einer Entlassenen = μοιχεία. |
| 1. Korinther 5–7 | Konkrete Taten: Inzest, Hure, Unzucht vermeiden durch Ehe (7,2). Gemeindezucht. | Gläubige Ehe: Herrenwort – trennen nicht; wenn getrennt, unverheiratet bleiben oder versöhnen (7,10–11). Bindung bis zum Tod (7,39). Extra-Wort nur für Weggang des Ungläubigen (7,15). |
| Römer 7 | — | Bei lebendigem Mann einem anderen gehören = μοιχαλίς. Freiheit erst durch Tod. |
Kurz:
- „Nur“ der Akt der Hurerei ist πορνεία: illegitime Sexualität.
Davon redet Paulus in 1. Korinther 5–7,2.6 ausführlich. - Ehebruch im Sinn der Evangelien
ist oft mehr als dieser Akt:
Die neue Ehe nach Entlassung wird selbst als μοιχεία gewertet, weil Gott das erste Band nicht als gelöst ansieht. - Paulus zitiert das Herrenwort für Gläubigen-Ehen ohne die matthäische Klausel und schliesst Wiederheirat mit einem Dritten dort aus (bleiben ἄγαμος oder Versöhnung).
- Römer 7 und 1. Korinther 7,39 nennen als regulären Endpunkt der Bindung den Tod, nicht die Scheidung.
Die Texte lassen sich also nicht einfach ineinander schieben:
Matthäus redet in eine innerjüdische Rechtsfrage mit Ausnahmeklausel;
Markus, Lukas und das von Paulus angeführte Herrenwort tun das nicht;
Paulus fügt für die Gemeinde unter den Nationen noch den Fall des weggehenden Ungläubigen hinzu.
-*-
Porneia-Bedeutung in Matthäus im Judentum
Der Wortlaut
Matthäus 5,32
παρεκτὸς λόγου πορνείας (parektos logou porneias)
„außer aufgrund von porneia“
Matthäus 19,9
μὴ ἐπὶ πορνείᾳ (mē epi porneia)
„nicht auf Grund von porneia“
Unmittelbar daneben steht jeweils μοιχεία für die Folge unberechtigter
Entlassung und Wiederheirat: ποιεῖ αὐτὴν μοιχευθῆναι / μοιχᾶται.
Dazu kommt Matthäus 15,19:
aus dem Herzen kommen μοιχεῖαι, πορνεῖαι – Ehebrüche und Unzuchten nebeneinander.
Derselbe Evangelist unterscheidet die Wörter also.
Markus 10, Lukas 16 und das von Paulus zitierte Herrenwort (1. Korinther 7,10–11)
haben die Klausel nicht.
Was πορνεία lexikalisch tragen kann
Das Wort kommt von πόρνη (pornē, Hure). Im NT deckt es ab:
- Prostitution, käuflichen Verkehr (1. Kor 6,13–18)
- Inzest (1. Kor 5,1: jemand hat die Frau des Vaters
– und solche porneia gibt es nicht einmal unter den Nationen) - Unzucht Unverheirateter
- in Listen oft neben μοιχεία
- bildlich Götzendienst (Offenbarung)
Es kann eheliche Untreue mitumfassen, tut es aber nicht automatisch.
Deshalb die Frage: Warum hier nicht μοιχεία, wenn einfach „Ehebruch der Frau“ gemeint wäre?
Vier Hauptlesarten
1. Eheliche Untreue (die Mehrheitslesart)
Porneia =
sexueller Verkehr der Frau mit einem anderen während der Ehe.
Die Klausel erlaubt Entlassung (und oft wird Wiederheirat des Unschuldigen mitgedacht).
Dafür:
Im jüdischen Alltag war die Untreue der Frau der klassische „Grund“.
Schammai begrenzte 5. Mose 24,1 (erwat davar) auf Unzucht;
Hillel erlaubte „jede Sache“.
Matthäus 19 spielt genau in diesem Streit.
Viele Lexika setzen für Mt 5,32 / 19,9 „Untreue der Ehefrau“ an.
Dagegen:
Dann bleibt unklar, warum Matthäus nicht μοιχεία schreibt
– dasselbe Wort, das er zwei Verse vorher (5,27–28) und im selben Satz als Folge gebraucht.
In 15,19 trennt er die Begriffe.
Markus, Lukas und Paulus kennen diese Ausnahme nicht;
eine so zentrale Erlaubnis hätte man erwarten können.
Diese Lesart macht aus der Klausel genau das,
was viele Gemeinden daraus gemacht haben:
Scheidung und Wiederheirat wegen Ehebruchs.
2. Unzucht in der Verlobungszeit
(Betrothal-Sicht)
Jüdische Ehe hatte zwei Stufen:
Erusin (Verlobung – die Frau heißt schon γυνή, „Frau“, Lösung nur durch Scheidebrief)
und Nissuin (Heimführung).
Josef und Maria:
Matthäus 1,18–19 – μνηστευθείσης, schwanger vor dem Zusammenleben;
Josef will sie entlassen (ἀπολῦσαι), und das ohne sie bloßzustellen.
Porneia wäre dann die Unkeuschheit der noch nicht heimgeführten Frau.
Das ist Unzucht, nicht μοιχεία im Vollsinn der geschlossenen Ehe.
Josefs Lage wäre der erzählerische Schlüssel am Anfang desselben Evangeliums.
Dafür:
Erklärt die Wortwahl: πορνεία (Unkeuschheit vor der Vollziehung),
nicht μοιχεία.
Passt zur jüdischen Rechtslage.
Finegan (2026) argumentiert, dass „Frau“ + „Entlassung“ + Gegenüberstellung
zu μοιχεία im matthäischen Rahmen gerade auf vor-nissuin-Unzucht zielt.
5. Mose 22,13–21 kennt genau den Fall „keine Jungfrau gefunden“.
Dagegen:
Die Szene in Kapitel 19 handelt von verheirateten Männern, die fragen:
Darf man entlassen?
Der unmittelbare Kontext klingt nach bestehender Ehe, nicht nach Verlobung.
Ob die ersten Hörer automatisch an Erusin dachten, ist nicht zwingend.
Bei dieser Lesart löst die Klausel keine vollzogene Ehe auf.
Sie betrifft eine Verbindung, die rechtlich schon „Ehe“ hieß,
aber noch nicht ein Fleisch im Sinn von 1. Mose 2,24 geworden war.
3. Ungültige / inzestuöse Verbindung (verbotene Verwandtschaftsgrade)
Porneia = eine „Ehe“, die nach 3. Mose 18 von Anfang an verboten ist
(nahe Verwandtschaft, Schwägerschaft).
Qumran (Damaskusschrift) gebraucht hebräisch zenut (LXX oft πορνεία)
genau für solche verbotenen Verbindungen.
Apostelgeschichte 15,20.29 stellt
πορνεία neben Götzenopfer, Blut, Ersticktes – eine Reihe, die sich an 3. Mose 17–18 anlehnt.
1. Korinther 5,1 nennt inzestuöses Zusammenleben πορνεία.
Dann wäre die Klausel keine Erlaubnis, eine gültige Ehe wegen Untreue aufzulösen,
sondern die Feststellung:
Eine nie gültige Verbindung darf (muss) gelöst werden.
Vergleich oft: Herodes / Herodias (Markus 6)
– Johannes tadelt nicht „Scheidung“, sondern dass die Verbindung selbst Unrecht ist.
Dafür:
Erklärt, warum nur Matthäus die Klausel hat (jüdisch-christliche Gemeinde, Heiden,
die mit verbotenen Verbindungen kamen).
Erklärt das Fehlen bei Markus, Lukas und in 1. Korinther 7,10–11.
Fitzmyer u. a. haben den Qumran-Beleg stark gemacht.
F. F. Bruce hält diese technische Bedeutung in Apg 15 und Mt 5/19 für möglich.
Dagegen:
In Matthäus 19 fragen die Pharisäer nach Entlassung der Frau, nicht nach Nichtigerklärung einer von Anfang an ungültigen Verbindung.
Der Satzbau liest sich für die meisten Hörer zuerst als Ausnahme innerhalb einer Ehe. Ob jede Gemeinde πορνεία sofort als „3. Mose 18“ hörte, ist unsicher; das Wort ist breiter.
Hier gibt es keine Wiederheirat nach gültiger Ehe, weil es die gültige Ehe in diesem Fall nie gab.
4. Weite Unzucht, die das Eine-Fleisch zerstört
Porneia = jede schwere sexuelle Unmoral (Untreue, Prostitution, andauernde Unzucht), die den Bund praktisch zerbricht. Die Klausel wäre dann eine echte Ausnahme für Scheidung (manchmal auch Wiederheirat) des Unschuldigen.
Dafür:
Entspricht dem breiten lexikalischen Gebrauch und der pastoralen Praxis vieler evangelischer Ausleger.
Dagegen:
Macht aus Matthäus etwas, das Markus, Lukas und Paulus so nicht sagen. Verwischt die von Matthäus selbst gezogene Linie zwischen πορνεία und μοιχεία. Je weiter man das Wort zieht, desto mehr wird die Klausel zur allgemeinen Scheidungserlaubnis – gegen den Duktus von 19,4–8 (von Anfang an; was Gott zusammengefügt hat).
Was der Text selbst festlegt – und was nicht
Fest steht:
- Matthäus wählt πορνεία, nicht μοιχεία.
- Dieselbe Schrift unterscheidet beide Wörter (15,19).
- Die Folge unberechtigter neuer Ehe bleibt μοιχεία.
- Die Klausel steht nur bei Matthäus.
- Jesu Begründung in 19,4–8 geht auf die Schöpfung, nicht auf 5. Mose 24 als Ideal.
Nicht fest steht mit letzter Sicherheit, welche der drei engeren Bedeutungen (Untreue / Verlobung / ungültige Verwandtenehe) Matthäus allein meint. Die Wortwahl spricht gegen eine einfache Gleichsetzung „porneia = Ehebruch“. Die Verlobungs- und die Inzest-Lesart erklären besser, warum das Wort wechselt und warum die anderen Zeugen die Klausel nicht haben.
Grammatisch ist noch ein Nebenpunkt:
Allen Guenther unterscheidet παρεκτὸς in 5,32 (echte Ausnahme) und μὴ ἐπὶ in 19,9 (eher: porneia als eigenen Fall ausnehmen, nicht in denselben Satz ziehen).
Das würde 19,9 noch weniger zu einer allgemeinen Wiederheiratserlaubnis machen.