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Der Drachentöter Tobias Riemenschneider. ⠀
Hans Peter Wepf@usonubuk
1.146 Beiträge
#1 · 4. Juni 2026, 11:40
Zitat von Hans Peter Wepf am 4. Juni 2026, 11:40 Uhr
Wolf im Schafspelz @erbfrankfurt Tobias Riemenschneider: "Der Mensch hat keinen freien Willen!" Die Leugnung des Freien Willens Calvinismus Gotteslästerung
Gefunden bei Andreas Meyer:
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Der DrachentöterDie Geschichte eines Mannes, der sein Leben lang die wahre Kirche suchte und am Ende vor ihrer Tür stand. Eine Kurzgeschichte. Alles Folgende ist belegt; nichts ist erfunden.⠀____________________________________________________⠀Es beginnt mit einem Kind, das nachts nicht schlafen kann.⠀Der Junge wächst in der Neuapostolischen Kirche auf (einer christlichen Sondergemeinschaft mit eigenem, fortlaufendem Apostelamt). Was ihn quält, ist eine Vorstellung, die er später selbst in einem Video erzählen wird. Er fürchtet die Vorentrückung. So nennt man die Lehre, dass die wahren Gläubigen vor der großen Drangsal der Endzeit in den Himmel geholt werden. Das Kind liegt wach und stellt sich vor, wie seine Familie eines Nachts entrückt wird und er allein zurückbleibt, von Gott nicht für würdig befunden. Diese Angst, allein gelassen zu werden, wird ihn nie ganz loslassen. Sie ist der erste Faden in einer Geschichte, die fast vierzig Jahre später damit enden wird, dass er tatsächlich allein dasteht. Nur dass es diesmal keine Entrückung ist, die ihn zurücklässt, sondern seine eigene Gemeinde.⠀Der Junge heißt Tobias Riemenschneider.⠀____________________________________________________⠀Man versteht den Konflikt um diesen Mann nicht, wenn man ihn für einen Streit um Geld hält. Geld kommt erst ganz am Schluss vor. Davor liegt eine lange Suche, und sie hat eine einzige, wiederkehrende Frage. Woran erkennt man den wahren Glauben?⠀Als Schüler verbringt Riemenschneider 2002 einen Sommer in Wisconsin und trifft eine christliche Großfamilie, die an ein junges Erdalter und an die Schöpfung in sechs Tagen glaubt (Kreationismus, die wörtliche Lesart des biblischen Schöpfungsberichts gegen die Evolutionslehre). Er ist irritiert und fasziniert zugleich und sagt später den Satz, der alles spätere vorwegnimmt. Ihr Glaube sei besser gewesen als seiner. Sie hätten der Bibel wirklich geglaubt und danach gelebt. Von da an ist der wörtliche Bibelglaube für ihn der Maßstab, an dem sich entscheidet, wer Christ ist und wer nicht.⠀Zurück in Deutschland studiert er Jura, heiratet eine Frau aus seiner Kirche, arbeitet als Anwalt für Frankfurter Großbanken. Dann stößt er im Internet auf die „Shocking Youth Message“, eine Predigt des amerikanischen Evangelisten Paul Washer aus dem Jahr 2002. Washer schreit, weint und sagt den anwesenden Jugendlichen ins Gesicht, viele von ihnen würden verloren gehen, weil sie sich nie wirklich bekehrt hätten. Riemenschneider wird, wie er es nennt, durch diese Predigt bekehrt. Die alte Frage seiner Kindheit kehrt zurück, jetzt unter neuem Namen. Heilsgewissheit. Habe ich genug, um sicher zu sein, dass ich gerettet bin?⠀Er verlässt die Neuapostolische Kirche. Er klopft bei der römisch-katholischen Kirche an und bei der traditionalistischen Piusbruderschaft, vergeblich. Dann hört er von einem Missionar, der in seinem Frankfurter Haus Bibelstunden hält. Der Mann heißt Peter Schild. In dessen Hauskreis findet Riemenschneider endlich, was er sucht, und lässt sich ein zweites Mal taufen, diesmal als Erwachsener auf das eigene Bekenntnis hin (Glaubenstaufe, das Kennzeichen baptistischer Gemeinden, im Gegensatz zur Säuglingstaufe).⠀Schild ist kein Einzelgänger. Er wurde von der Heart Cry Mission Society nach Frankfurt geschickt, einem Missionswerk, das auf eben jenen Paul Washer zurückgeht und es sich zur Aufgabe gemacht hat, weltweit Gemeinden mit einem strengen reformierten Profil aufzubauen. 2016 gründen Schild und Riemenschneider die Evangelisch-Reformierte Baptistengemeinde Frankfurt, kurz ERB. Eingesegnet werden sie von der älteren Schwestergemeinde in Wetzlar. Ihre Grundlage ist das Baptistische Glaubensbekenntnis von 1689, ein klassisches reformiertes Dokument. Sie sind Neucalvinisten (eine jüngere, betont strenge Wiederbelebung der calvinistischen Lehre von der absoluten Souveränität Gottes, in den USA weit verbreitet). Der Verein, der die Gemeinde trägt, wird im Haus von Riemenschneiders Eltern aus der Taufe gehoben, bei Dietmar und Judith Riemenschneider.⠀Zwischen den beiden Pastoren verschiebt sich in diesen Jahren etwas, leise und ohne Streit. Schild ist der Ältere im Glauben, der Missionar, der die Tür geöffnet hatte, und in den ersten Jahren ist er auch der häufigere Prediger. Riemenschneider ist der Jurist mit der Stimme, die einen Saal füllt, und je mehr Videos laufen, desto mehr tritt er nach vorn und Schild in den Hintergrund. Damals nennt das niemand einen Bruch. Im Rückblick sieht man, wo er begann.⠀____________________________________________________⠀Hier endet die Vorgeschichte und beginnt das, was den Mann später zur öffentlichen Figur macht.⠀2018 hält Riemenschneider eine Predigt über die Kopfbedeckung. Gläubige Frauen, sagt er, sollten im Gottesdienst ihr Haar bedecken, als Zeichen ihrer Unterordnung unter den Mann. Er beruft sich auf Paulus, unabhängig davon, was im ersten Jahrhundert der konkrete Anlass war. Das Video läuft erfolgreich. Es ist die erste Probe eines Musters, das ein Beobachter der kirchlichen Weltanschauungsstelle EZW Jahre später so beschreiben wird. Riemenschneider sei fortwährend auf der Suche nach immer neuen Kennzeichen, an denen sich der wahre Glaube ablesen lasse. Das Kopftuch ist nur das erste.⠀Dann kommt Corona. Die Gemeinde feiert während des ersten Lockdowns heimlich Gottesdienste in den Häusern ihrer Mitglieder, später in einer Fabrikhalle im Gewerbegebiet. Für Riemenschneider ist die Pandemie kein Gesundheitsthema, sondern eine Prüfung des Glaubens. Wer dem Staat gehorcht, hat versagt. 2021 warnt ein Video von ihm und Schild vor der Impfung und erreicht rund hundertfünfzigtausend Aufrufe. Im selben Jahr nehmen die beiden einen Podcast zur sogenannten Causa Olaf Latzel auf, dem Bremer Pastor, gegen den wegen queerfeindlicher Äußerungen ermittelt wurde. Im Zentrum steht dabei aber gar nicht Latzel, sondern ein anderer Fundamentalist, Michael Kotsch, der Latzels Tonfall kritisiert hatte. Riemenschneider und Schild sprechen Kotsch daraufhin den wahren Glauben ab und verweigern ihm sogar die Anrede als Bruder. In bibeltreuen Kreisen löst das Entsetzen aus, denn hier zerlegt einer die eigenen Leute.⠀Dahinter steckt eine theologische Weichenstellung, die der Schlüssel zum ganzen späteren Drama ist. Sie heißt Theonomie (von griechisch theos, Gott, und nomos, Gesetz). Die Idee ist, dass Gott nicht nur über die Kirche herrscht, sondern der höchste Gesetzgeber für alles ist, und dass deshalb auch die weltlichen Gesetze eines Landes am biblisch verstandenen Willen Gottes auszurichten seien. Ihren Ursprung hat sie beim calvinistischen Denker Rousas John Rushdoony, sie firmiert auch als Rekonstruktionismus. Der gewöhnliche deutsche Fundamentalismus, für den ein Mann wie Kotsch steht, hatte sich aus der Politik herausgehalten und nur für die eigene Gemeinde Strenge verlangt. Riemenschneider will mehr. Er will, dass die ganze Gesellschaft sich beugt. Genau das trennt ihn von seinen alten Mitstreitern, lange bevor irgendjemand von Geld redet.⠀____________________________________________________⠀Riemenschneider steht damit nicht allein, und das ist wichtig, um das Gewirr der Stimmen zu ordnen. Er ist Teil eines Netzwerks, das vor allem über den Atlantik reicht. Da ist Paul Washer, sein geistlicher Urvater. Da ist der Apologet James White (ein Apologet ist ein Verteidiger des Glaubens gegen Kritik und Irrlehre). Da ist der inzwischen verstorbene Prediger Voddie Baucham. Und dann die schärferen Köpfe. Joseph Boot vom kanadischen Ezra Institute, der die Theonomie zum Programm einer kompletten gesellschaftlichen Umgestaltung macht. Jeff Durbin und Luke Pierson von der Apologia Church in Arizona, bei denen Riemenschneider 2024 selbst predigt. Durbin gehört zu den sogenannten Abortion Abolitionists, einer Bewegung am äußersten Rand der amerikanischen Abtreibungsgegner, die fordert, abtreibende Frauen strafrechtlich zu verfolgen, bis hin zur Todesstrafe. Und schließlich Doug Wilson, der in den USA dafür bekannt ist, das Frauenwahlrecht abschaffen und das Patriarchat zurückbringen zu wollen.⠀Das gemeinsame Markenzeichen dieser Männer ist ein Dokument, das den Namen seiner Stadt trägt. Die Frankfurt Declaration, mitverfasst von Riemenschneider, erklärt Gott zum alleinigen Machthaber und höchsten Gesetzgeber für jedes menschliche Verhalten und überträgt das auf die Corona-, Bildungs- und Gesundheitspolitik. Unter den Unterzeichnern stehen White, Baucham, Durbin, Boot, Wilson, der texanische Pastor Joel Webbon und John MacArthur, einer der bekanntesten Prediger Amerikas. Auffällig fehlt ausgerechnet Paul Washer. Über diese Erklärung wird Riemenschneider in Amerika zu einem Namen.⠀Seine Konferenzreihe in Frankfurt heißt Pro Rege, lateinisch für den König, gemeint ist Christus. Die Ausgabe von 2024 trägt den Titel Drachentöterkonferenz. Der Drache steht für den Satan, der dem wahren Drachentöter Jesus Christus am Ende der Zeiten unterliegt. Dahinter steht eine bestimmte Endzeiterwartung, der Postmillennialismus. Während die meisten Evangelikalen prämillennialistisch denken, also annehmen, Christus komme vor dem tausendjährigen Friedensreich wieder und hole die Seinen vorher heraus, glauben die Postmillennialisten das Umgekehrte. Christus komme erst danach, und das Reich Gottes müsse schon jetzt von den Gläubigen aufgebaut und politisch durchgesetzt werden. Für Riemenschneider folgt daraus eine Pflicht zum Kampf. In einer vielbeachteten Predigt von 2023 nennt er den modernen Staat einen von dämonischen Ideologien verführten Tyrannen und stellt seinen Hörern zwei Möglichkeiten vor Augen, Chaos oder Christus. Den Frauen in der Gemeinde gibt er den Rat, früh zu heiraten und früh viele Kinder zu bekommen, denn die Kinder seien, mit Psalm 127, eine Waffe im Kampf. Den Männern rät er, sich selbstständig zu machen, um nicht von einem gottlosen Arbeitgeber abhängig zu sein. Und immer wieder fordert er, eigene christliche Schulen zu gründen, um die Kinder der Indoktrination durch das staatliche Bildungssystem zu entziehen. Diese Schule, die zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht existiert, wird am Ende eine Rolle spielen, die niemand ahnt.⠀____________________________________________________⠀Es gibt eine Episode, die wie eine Generalprobe wirkt für das, was Riemenschneider am Ende selbst widerfahren wird. Sie spielt im Herbst 2024 und in Deutschland hat sie kaum jemand bemerkt.⠀Ein junger Mann aus der ERB Frankfurt zieht nach Texas und schließt sich der Gemeinde von Joel Webbon an, einem der Unterzeichner der Frankfurt Declaration. Wenig später teilt er ein antisemitisches Meme über den Holocaust. Es kommt zu einem Videogespräch zwischen Riemenschneider, Webbon und dem jungen Mann. Was Riemenschneider nicht weiß, das Gespräch wird heimlich mitgeschnitten. Webbon erhebt danach in einem Podcast den Vorwurf, Riemenschneider habe ihn gedrängt, das Gemeindemitglied zu exkommunizieren (der Ausschluss aus der Gemeinde, die schärfste Form der Kirchenzucht). Riemenschneider bestreitet das, der Mitschnitt scheint das Gegenteil zu zeigen, veröffentlicht wird er nie, also bleibt der Fall unentscheidbar. Eine einflussreiche amerikanische Podcastreihe zieht Riemenschneiders Beitrag zurück und distanziert sich von ihm.⠀Heraus kommt am Ende die Antiochia-Erklärung, von Wilson, Riemenschneider, Boot, Durbin und White, die den christlichen Nationalismus ausdrücklich vom offenen Antisemitismus abgrenzen soll. Hier zeigt sich eine Bruchlinie, die das ganze Lager durchzieht. Auf der einen Seite Männer wie Riemenschneider und Wilson, die einen christlichen Staat wollen, den blanken Judenhass aber als Gefahr für die eigene Sache ablehnen. Auf der anderen Seite ein Rand, der ihm strategisch die Tür offenhält. Riemenschneider hat in dieser Sache auf den Ausschluss eines anderen gedrängt. Wenige Monate später wird derselbe Mechanismus gegen ihn selbst in Gang gesetzt.⠀____________________________________________________⠀2024 wird er politisch. Vor der hessischen Landtagswahl wirbt er erstmals offen für die AfD, die einzige der großen Parteien, die für gläubige Christen wählbar sei. 2025 erscheint sein bis dahin meistgesehenes Video mit der Frage, ob man Alice Weidel wählen dürfe, und kommt auf über zweihunderttausend Aufrufe. Sein Ziel, sagt er dort, sei ein christliches Deutschland.⠀Dann, am 10. September 2025, wird der amerikanische rechte Polit-Influencer Charlie Kirk ermordet. Riemenschneider deutet den Mord als Zäsur. Man befinde sich im Krieg, einem geistlichen Krieg, und Kirk sei einer der ersten Gefallenen. Er erklärt Kirk zum christlichen Märtyrer (im klassischen Sinn jemand, der für seinen Glauben getötet wird) und macht die richtige Reaktion auf den Mord zum nächsten Prüfstein. Wer als Pastor nicht entsprechend reagiere, dessen Gemeinde solle man verlassen. Wieder ein neuer Marker des wahren Glaubens, wieder eine Linie, die andere ausschließt.⠀Der Höhepunkt seiner öffentlichen Laufbahn kommt einen Monat später. Am 10. Oktober 2025 spricht der Jurist Riemenschneider auf Einladung der AfD im Berliner Reichstag, beim zehnjährigen Bestehen der Bundesvereinigung Christen in der AfD. Er fordert, die Trennung von Staat und Gott aufzuheben, den Gottesbegriff im Grundgesetz ausdrücklich christlich zu lesen und Deutschland als christlichen Staat zu begreifen. Er warnt vor dem Volkstod durch Migration und Abtreibung. Die tagesschau berichtet. Bei der AfD gilt er fortan als eine Art Lieblingspastor, hält im Dezember eine Andacht bei der Weihnachtsgala der AfD Sachsen-Anhalt, spricht im Januar 2026 beim Neujahrsempfang der AfD Hessen in Wiesbaden. Über reichweitenstarke Influencer wie Leonard Jäger und Jasmin Friesen erreicht er ein junges Publikum, seine Instagram-Gefolgschaft verdoppelt sich binnen Monaten. WDR, ZDF und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung greifen das Thema auf. Es ist sein Frühling.⠀____________________________________________________⠀Und genau in diesem Frühling zerbricht die Gemeinde unter ihm.⠀Was ihn nach außen groß machte, sprengte ihn nach innen. Sein Marsch in die Politik, die AfD-Auftritte, der Reichstag, ging der Mehrheit der Gemeinde zu weit. Und der Mann, der fast zehn Jahre neben ihm auf der Kanzel gestanden hatte, ging nicht mit. Peter Schild, derselbe Schild, der ihn einst in seinem Wohnzimmer aufgenommen und ihm die Tür zu diesem Glauben überhaupt erst geöffnet hatte, stand am Ende auf der anderen Seite. Aus zwei Gründern, die zusammen eine Gemeinde gebaut hatten, wurden zwei Männer, die sie unter sich aufteilten.⠀Von November 2025 bis Februar 2026 wird es still. Auf dem Kanal der ERB, der vorher mehrmals pro Woche bespielt wurde, erscheint keine Predigt mehr. Dann, am 20. Februar 2026, meldet sich Riemenschneider auf einem neuen Kanal namens Christuskirche Frankfurt zu Wort. Binnen vierundzwanzig Stunden hat das Video fünfzehntausend Aufrufe. Er erklärt, man habe in der Gemeinde versucht, ihn seines Amtes zu entheben und ihn zu exkommunizieren. Aus seiner Sicht und der einer eingeschalteten Anwaltskanzlei sei das nicht rechtmäßig gewesen. Die Vorwürfe gegen ihn hätten zwei Stoßrichtungen gehabt. Sein Engagement für die AfD. Und eine angebliche Veruntreuung von Geldern, die für eine geplante christliche Schule gedacht waren. Er weist alles zurück und kündigt an, weiterzumachen.⠀Hier liegt der wunde Punkt, und hier liegt auch die Ironie, an der die ganze Geschichte sich dreht. Der Mann, der den Staat einen Tyrannen nannte, der Widerstand gegen das weltliche Gesetz predigte und Gott zum alleinigen Gesetzgeber erklärte, beruft sich nun, in eigener Sache, auf eine Anwaltskanzlei und auf weltliches Vereinsrecht. Der Jurist greift nach dem Recht, das er von der Kanzel her verachtet hatte. Und der Mann, der bei Joel Webbon auf eine Exkommunikation gedrängt und Michael Kotsch den Bruder verweigert hatte, steht plötzlich selbst auf der Liste derer, die ausgeschlossen werden sollen.⠀Was bleibt, ist eine Teilung in zwei Hälften, und man muss sie auseinanderhalten, sonst versteht man die Stimmen nicht. Der Name ERB Frankfurt wird künftig nur noch für den Verein verwendet, dessen Anschrift in dieser Zeit von Oberursel zu Riemenschneiders Eltern nach Bad Homburg verlegt wird. Die Gemeinde um Riemenschneider heißt jetzt Christuskirche, neuer Mitpastor an seiner Seite ist Paul Sayers, ein englischer Lehrer, der zuvor in Kaiserslautern diente. Der Gemeindeteil um seinen alten Weggefährten Peter Schild führt die Arbeit unter dem Namen Gnadenkirche fort. Wer also die Webadresse erb-frankfurt.de aufruft, landet bei Riemenschneider, nicht bei Schild. Das ist die häufigste Verwechslung in dem ganzen Streit.⠀Zwei kleine Zeichen verraten, wie die Kräfte stehen. Die Gnadenkirche um Schild bleibt mit der Mutterkirche in Wetzlar verbunden, während Riemenschneiders Christuskirche zunächst für sich allein steht. Und auf der Internetseite der amerikanischen Heart Cry Mission Society, die einst Schild nach Frankfurt entsandte, werden die Porträts beider Männer kommentarlos entfernt. Die großen amerikanischen Verbündeten, Wilson, Durbin, White, Washer, schweigen zur Spaltung. Am 27. März 2026 legt Riemenschneider in einem anderthalbstündigen Video mit dem Titel „Die ganze Wahrheit“ nach und erhebt nun seinerseits konkrete Vorwürfe gegen Schild.⠀Die andere Seite antwortet anders. Auf der Startseite der Gnadenkirche steht ein einziger, kurzer Satz, und er ist die genaue Umkehrung von Riemenschneiders Verfahren. Alles Unwahre und Böse, das nun über sie behauptet werde, wolle man erdulden, ohne sich öffentlich zu verteidigen oder zu rechtfertigen, denn Gott widerstehe den Hochmütigen und schenke den Demütigen Gnade. Kein Anwalt, kein Video, kein Gegenangriff. Nur Schweigen.⠀____________________________________________________⠀Was läuft hier also, hinter dem Lärm der Kanäle und der gegenseitigen Vorwürfe?⠀Der Streit um Geld und Ämter ist Parteivortrag, von außen nicht zu prüfen, und beide Seiten erzählen ihn verschieden. Belegbar ist etwas anderes, und es ist die eigentliche Geschichte. Ein Mann sucht von Kindheit an nach der Gewissheit, zu den wahren Gläubigen zu gehören, und findet diese Gewissheit immer nur in einer neuen, schärferen Trennlinie. Erst das Kopftuch, dann der Widerstand gegen Corona, dann die Impffrage, dann die Theonomie, dann die AfD als einzige wählbare Partei, dann Charlie Kirk als Lackmustest für jeden Pastor. Jede Linie schließt ein paar mehr aus. Bis die letzte Linie quer durch die eigene Gemeinde verläuft und ihn auf der falschen Seite zurücklässt.⠀Der Junge, der nachts wach lag aus Angst, allein zurückzubleiben, hat sein halbes Leben damit verbracht, andere auszusortieren. Am Ende steht er, der einst den Drachen töten wollte, vor der verschlossenen Tür der Kirche, die er mitgegründet hat. Eine zweite Tür hat er sich selbst aufgestoßen, die der Christuskirche, und durch die ist er gegangen. Nicht entrückt, nicht ausgesperrt. Nur vor der Frage, ob es die richtige ist, die wahre, nach der er sein Leben lang gesucht hat, oder nur die nächste.
| Wolf im Schafspelz @erbfrankfurt Tobias Riemenschneider: "Der Mensch hat keinen freien Willen!" | Die Leugnung des Freien Willens | Calvinismus Gotteslästerung | |
Gefunden bei Andreas Meyer:
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Der Drachentöter
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Der Drachentöter
Die Geschichte eines Mannes, der sein Leben lang die wahre Kirche suchte und am Ende vor ihrer Tür stand. Eine Kurzgeschichte. Alles Folgende ist belegt; nichts ist erfunden.
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Der Junge wächst in der Neuapostolischen Kirche auf (einer christlichen Sondergemeinschaft mit eigenem, fortlaufendem Apostelamt). Was ihn quält, ist eine Vorstellung, die er später selbst in einem Video erzählen wird. Er fürchtet die Vorentrückung. So nennt man die Lehre, dass die wahren Gläubigen vor der großen Drangsal der Endzeit in den Himmel geholt werden. Das Kind liegt wach und stellt sich vor, wie seine Familie eines Nachts entrückt wird und er allein zurückbleibt, von Gott nicht für würdig befunden. Diese Angst, allein gelassen zu werden, wird ihn nie ganz loslassen. Sie ist der erste Faden in einer Geschichte, die fast vierzig Jahre später damit enden wird, dass er tatsächlich allein dasteht. Nur dass es diesmal keine Entrückung ist, die ihn zurücklässt, sondern seine eigene Gemeinde.
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Der Junge heißt Tobias Riemenschneider.
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Man versteht den Konflikt um diesen Mann nicht, wenn man ihn für einen Streit um Geld hält. Geld kommt erst ganz am Schluss vor. Davor liegt eine lange Suche, und sie hat eine einzige, wiederkehrende Frage. Woran erkennt man den wahren Glauben?
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Als Schüler verbringt Riemenschneider 2002 einen Sommer in Wisconsin und trifft eine christliche Großfamilie, die an ein junges Erdalter und an die Schöpfung in sechs Tagen glaubt (Kreationismus, die wörtliche Lesart des biblischen Schöpfungsberichts gegen die Evolutionslehre). Er ist irritiert und fasziniert zugleich und sagt später den Satz, der alles spätere vorwegnimmt. Ihr Glaube sei besser gewesen als seiner. Sie hätten der Bibel wirklich geglaubt und danach gelebt. Von da an ist der wörtliche Bibelglaube für ihn der Maßstab, an dem sich entscheidet, wer Christ ist und wer nicht.
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Zurück in Deutschland studiert er Jura, heiratet eine Frau aus seiner Kirche, arbeitet als Anwalt für Frankfurter Großbanken. Dann stößt er im Internet auf die „Shocking Youth Message“, eine Predigt des amerikanischen Evangelisten Paul Washer aus dem Jahr 2002. Washer schreit, weint und sagt den anwesenden Jugendlichen ins Gesicht, viele von ihnen würden verloren gehen, weil sie sich nie wirklich bekehrt hätten. Riemenschneider wird, wie er es nennt, durch diese Predigt bekehrt. Die alte Frage seiner Kindheit kehrt zurück, jetzt unter neuem Namen. Heilsgewissheit. Habe ich genug, um sicher zu sein, dass ich gerettet bin?
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Er verlässt die Neuapostolische Kirche. Er klopft bei der römisch-katholischen Kirche an und bei der traditionalistischen Piusbruderschaft, vergeblich. Dann hört er von einem Missionar, der in seinem Frankfurter Haus Bibelstunden hält. Der Mann heißt Peter Schild. In dessen Hauskreis findet Riemenschneider endlich, was er sucht, und lässt sich ein zweites Mal taufen, diesmal als Erwachsener auf das eigene Bekenntnis hin (Glaubenstaufe, das Kennzeichen baptistischer Gemeinden, im Gegensatz zur Säuglingstaufe).
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Schild ist kein Einzelgänger. Er wurde von der Heart Cry Mission Society nach Frankfurt geschickt, einem Missionswerk, das auf eben jenen Paul Washer zurückgeht und es sich zur Aufgabe gemacht hat, weltweit Gemeinden mit einem strengen reformierten Profil aufzubauen. 2016 gründen Schild und Riemenschneider die Evangelisch-Reformierte Baptistengemeinde Frankfurt, kurz ERB. Eingesegnet werden sie von der älteren Schwestergemeinde in Wetzlar. Ihre Grundlage ist das Baptistische Glaubensbekenntnis von 1689, ein klassisches reformiertes Dokument. Sie sind Neucalvinisten (eine jüngere, betont strenge Wiederbelebung der calvinistischen Lehre von der absoluten Souveränität Gottes, in den USA weit verbreitet). Der Verein, der die Gemeinde trägt, wird im Haus von Riemenschneiders Eltern aus der Taufe gehoben, bei Dietmar und Judith Riemenschneider.
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Zwischen den beiden Pastoren verschiebt sich in diesen Jahren etwas, leise und ohne Streit. Schild ist der Ältere im Glauben, der Missionar, der die Tür geöffnet hatte, und in den ersten Jahren ist er auch der häufigere Prediger. Riemenschneider ist der Jurist mit der Stimme, die einen Saal füllt, und je mehr Videos laufen, desto mehr tritt er nach vorn und Schild in den Hintergrund. Damals nennt das niemand einen Bruch. Im Rückblick sieht man, wo er begann.
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Hier endet die Vorgeschichte und beginnt das, was den Mann später zur öffentlichen Figur macht.
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2018 hält Riemenschneider eine Predigt über die Kopfbedeckung. Gläubige Frauen, sagt er, sollten im Gottesdienst ihr Haar bedecken, als Zeichen ihrer Unterordnung unter den Mann. Er beruft sich auf Paulus, unabhängig davon, was im ersten Jahrhundert der konkrete Anlass war. Das Video läuft erfolgreich. Es ist die erste Probe eines Musters, das ein Beobachter der kirchlichen Weltanschauungsstelle EZW Jahre später so beschreiben wird. Riemenschneider sei fortwährend auf der Suche nach immer neuen Kennzeichen, an denen sich der wahre Glaube ablesen lasse. Das Kopftuch ist nur das erste.
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Dann kommt Corona. Die Gemeinde feiert während des ersten Lockdowns heimlich Gottesdienste in den Häusern ihrer Mitglieder, später in einer Fabrikhalle im Gewerbegebiet. Für Riemenschneider ist die Pandemie kein Gesundheitsthema, sondern eine Prüfung des Glaubens. Wer dem Staat gehorcht, hat versagt. 2021 warnt ein Video von ihm und Schild vor der Impfung und erreicht rund hundertfünfzigtausend Aufrufe. Im selben Jahr nehmen die beiden einen Podcast zur sogenannten Causa Olaf Latzel auf, dem Bremer Pastor, gegen den wegen queerfeindlicher Äußerungen ermittelt wurde. Im Zentrum steht dabei aber gar nicht Latzel, sondern ein anderer Fundamentalist, Michael Kotsch, der Latzels Tonfall kritisiert hatte. Riemenschneider und Schild sprechen Kotsch daraufhin den wahren Glauben ab und verweigern ihm sogar die Anrede als Bruder. In bibeltreuen Kreisen löst das Entsetzen aus, denn hier zerlegt einer die eigenen Leute.
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Dahinter steckt eine theologische Weichenstellung, die der Schlüssel zum ganzen späteren Drama ist. Sie heißt Theonomie (von griechisch theos, Gott, und nomos, Gesetz). Die Idee ist, dass Gott nicht nur über die Kirche herrscht, sondern der höchste Gesetzgeber für alles ist, und dass deshalb auch die weltlichen Gesetze eines Landes am biblisch verstandenen Willen Gottes auszurichten seien. Ihren Ursprung hat sie beim calvinistischen Denker Rousas John Rushdoony, sie firmiert auch als Rekonstruktionismus. Der gewöhnliche deutsche Fundamentalismus, für den ein Mann wie Kotsch steht, hatte sich aus der Politik herausgehalten und nur für die eigene Gemeinde Strenge verlangt. Riemenschneider will mehr. Er will, dass die ganze Gesellschaft sich beugt. Genau das trennt ihn von seinen alten Mitstreitern, lange bevor irgendjemand von Geld redet.
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Riemenschneider steht damit nicht allein, und das ist wichtig, um das Gewirr der Stimmen zu ordnen. Er ist Teil eines Netzwerks, das vor allem über den Atlantik reicht. Da ist Paul Washer, sein geistlicher Urvater. Da ist der Apologet James White (ein Apologet ist ein Verteidiger des Glaubens gegen Kritik und Irrlehre). Da ist der inzwischen verstorbene Prediger Voddie Baucham. Und dann die schärferen Köpfe. Joseph Boot vom kanadischen Ezra Institute, der die Theonomie zum Programm einer kompletten gesellschaftlichen Umgestaltung macht. Jeff Durbin und Luke Pierson von der Apologia Church in Arizona, bei denen Riemenschneider 2024 selbst predigt. Durbin gehört zu den sogenannten Abortion Abolitionists, einer Bewegung am äußersten Rand der amerikanischen Abtreibungsgegner, die fordert, abtreibende Frauen strafrechtlich zu verfolgen, bis hin zur Todesstrafe. Und schließlich Doug Wilson, der in den USA dafür bekannt ist, das Frauenwahlrecht abschaffen und das Patriarchat zurückbringen zu wollen.
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Das gemeinsame Markenzeichen dieser Männer ist ein Dokument, das den Namen seiner Stadt trägt. Die Frankfurt Declaration, mitverfasst von Riemenschneider, erklärt Gott zum alleinigen Machthaber und höchsten Gesetzgeber für jedes menschliche Verhalten und überträgt das auf die Corona-, Bildungs- und Gesundheitspolitik. Unter den Unterzeichnern stehen White, Baucham, Durbin, Boot, Wilson, der texanische Pastor Joel Webbon und John MacArthur, einer der bekanntesten Prediger Amerikas. Auffällig fehlt ausgerechnet Paul Washer. Über diese Erklärung wird Riemenschneider in Amerika zu einem Namen.
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Seine Konferenzreihe in Frankfurt heißt Pro Rege, lateinisch für den König, gemeint ist Christus. Die Ausgabe von 2024 trägt den Titel Drachentöterkonferenz. Der Drache steht für den Satan, der dem wahren Drachentöter Jesus Christus am Ende der Zeiten unterliegt. Dahinter steht eine bestimmte Endzeiterwartung, der Postmillennialismus. Während die meisten Evangelikalen prämillennialistisch denken, also annehmen, Christus komme vor dem tausendjährigen Friedensreich wieder und hole die Seinen vorher heraus, glauben die Postmillennialisten das Umgekehrte. Christus komme erst danach, und das Reich Gottes müsse schon jetzt von den Gläubigen aufgebaut und politisch durchgesetzt werden. Für Riemenschneider folgt daraus eine Pflicht zum Kampf. In einer vielbeachteten Predigt von 2023 nennt er den modernen Staat einen von dämonischen Ideologien verführten Tyrannen und stellt seinen Hörern zwei Möglichkeiten vor Augen, Chaos oder Christus. Den Frauen in der Gemeinde gibt er den Rat, früh zu heiraten und früh viele Kinder zu bekommen, denn die Kinder seien, mit Psalm 127, eine Waffe im Kampf. Den Männern rät er, sich selbstständig zu machen, um nicht von einem gottlosen Arbeitgeber abhängig zu sein. Und immer wieder fordert er, eigene christliche Schulen zu gründen, um die Kinder der Indoktrination durch das staatliche Bildungssystem zu entziehen. Diese Schule, die zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht existiert, wird am Ende eine Rolle spielen, die niemand ahnt.
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Es gibt eine Episode, die wie eine Generalprobe wirkt für das, was Riemenschneider am Ende selbst widerfahren wird. Sie spielt im Herbst 2024 und in Deutschland hat sie kaum jemand bemerkt.
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Ein junger Mann aus der ERB Frankfurt zieht nach Texas und schließt sich der Gemeinde von Joel Webbon an, einem der Unterzeichner der Frankfurt Declaration. Wenig später teilt er ein antisemitisches Meme über den Holocaust. Es kommt zu einem Videogespräch zwischen Riemenschneider, Webbon und dem jungen Mann. Was Riemenschneider nicht weiß, das Gespräch wird heimlich mitgeschnitten. Webbon erhebt danach in einem Podcast den Vorwurf, Riemenschneider habe ihn gedrängt, das Gemeindemitglied zu exkommunizieren (der Ausschluss aus der Gemeinde, die schärfste Form der Kirchenzucht). Riemenschneider bestreitet das, der Mitschnitt scheint das Gegenteil zu zeigen, veröffentlicht wird er nie, also bleibt der Fall unentscheidbar. Eine einflussreiche amerikanische Podcastreihe zieht Riemenschneiders Beitrag zurück und distanziert sich von ihm.
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Heraus kommt am Ende die Antiochia-Erklärung, von Wilson, Riemenschneider, Boot, Durbin und White, die den christlichen Nationalismus ausdrücklich vom offenen Antisemitismus abgrenzen soll. Hier zeigt sich eine Bruchlinie, die das ganze Lager durchzieht. Auf der einen Seite Männer wie Riemenschneider und Wilson, die einen christlichen Staat wollen, den blanken Judenhass aber als Gefahr für die eigene Sache ablehnen. Auf der anderen Seite ein Rand, der ihm strategisch die Tür offenhält. Riemenschneider hat in dieser Sache auf den Ausschluss eines anderen gedrängt. Wenige Monate später wird derselbe Mechanismus gegen ihn selbst in Gang gesetzt.
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2024 wird er politisch. Vor der hessischen Landtagswahl wirbt er erstmals offen für die AfD, die einzige der großen Parteien, die für gläubige Christen wählbar sei. 2025 erscheint sein bis dahin meistgesehenes Video mit der Frage, ob man Alice Weidel wählen dürfe, und kommt auf über zweihunderttausend Aufrufe. Sein Ziel, sagt er dort, sei ein christliches Deutschland.
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Dann, am 10. September 2025, wird der amerikanische rechte Polit-Influencer Charlie Kirk ermordet. Riemenschneider deutet den Mord als Zäsur. Man befinde sich im Krieg, einem geistlichen Krieg, und Kirk sei einer der ersten Gefallenen. Er erklärt Kirk zum christlichen Märtyrer (im klassischen Sinn jemand, der für seinen Glauben getötet wird) und macht die richtige Reaktion auf den Mord zum nächsten Prüfstein. Wer als Pastor nicht entsprechend reagiere, dessen Gemeinde solle man verlassen. Wieder ein neuer Marker des wahren Glaubens, wieder eine Linie, die andere ausschließt.
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Der Höhepunkt seiner öffentlichen Laufbahn kommt einen Monat später. Am 10. Oktober 2025 spricht der Jurist Riemenschneider auf Einladung der AfD im Berliner Reichstag, beim zehnjährigen Bestehen der Bundesvereinigung Christen in der AfD. Er fordert, die Trennung von Staat und Gott aufzuheben, den Gottesbegriff im Grundgesetz ausdrücklich christlich zu lesen und Deutschland als christlichen Staat zu begreifen. Er warnt vor dem Volkstod durch Migration und Abtreibung. Die tagesschau berichtet. Bei der AfD gilt er fortan als eine Art Lieblingspastor, hält im Dezember eine Andacht bei der Weihnachtsgala der AfD Sachsen-Anhalt, spricht im Januar 2026 beim Neujahrsempfang der AfD Hessen in Wiesbaden. Über reichweitenstarke Influencer wie Leonard Jäger und Jasmin Friesen erreicht er ein junges Publikum, seine Instagram-Gefolgschaft verdoppelt sich binnen Monaten. WDR, ZDF und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung greifen das Thema auf. Es ist sein Frühling.
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Und genau in diesem Frühling zerbricht die Gemeinde unter ihm.
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Was ihn nach außen groß machte, sprengte ihn nach innen. Sein Marsch in die Politik, die AfD-Auftritte, der Reichstag, ging der Mehrheit der Gemeinde zu weit. Und der Mann, der fast zehn Jahre neben ihm auf der Kanzel gestanden hatte, ging nicht mit. Peter Schild, derselbe Schild, der ihn einst in seinem Wohnzimmer aufgenommen und ihm die Tür zu diesem Glauben überhaupt erst geöffnet hatte, stand am Ende auf der anderen Seite. Aus zwei Gründern, die zusammen eine Gemeinde gebaut hatten, wurden zwei Männer, die sie unter sich aufteilten.
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Von November 2025 bis Februar 2026 wird es still. Auf dem Kanal der ERB, der vorher mehrmals pro Woche bespielt wurde, erscheint keine Predigt mehr. Dann, am 20. Februar 2026, meldet sich Riemenschneider auf einem neuen Kanal namens Christuskirche Frankfurt zu Wort. Binnen vierundzwanzig Stunden hat das Video fünfzehntausend Aufrufe. Er erklärt, man habe in der Gemeinde versucht, ihn seines Amtes zu entheben und ihn zu exkommunizieren. Aus seiner Sicht und der einer eingeschalteten Anwaltskanzlei sei das nicht rechtmäßig gewesen. Die Vorwürfe gegen ihn hätten zwei Stoßrichtungen gehabt. Sein Engagement für die AfD. Und eine angebliche Veruntreuung von Geldern, die für eine geplante christliche Schule gedacht waren. Er weist alles zurück und kündigt an, weiterzumachen.
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Hier liegt der wunde Punkt, und hier liegt auch die Ironie, an der die ganze Geschichte sich dreht. Der Mann, der den Staat einen Tyrannen nannte, der Widerstand gegen das weltliche Gesetz predigte und Gott zum alleinigen Gesetzgeber erklärte, beruft sich nun, in eigener Sache, auf eine Anwaltskanzlei und auf weltliches Vereinsrecht. Der Jurist greift nach dem Recht, das er von der Kanzel her verachtet hatte. Und der Mann, der bei Joel Webbon auf eine Exkommunikation gedrängt und Michael Kotsch den Bruder verweigert hatte, steht plötzlich selbst auf der Liste derer, die ausgeschlossen werden sollen.
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Was bleibt, ist eine Teilung in zwei Hälften, und man muss sie auseinanderhalten, sonst versteht man die Stimmen nicht. Der Name ERB Frankfurt wird künftig nur noch für den Verein verwendet, dessen Anschrift in dieser Zeit von Oberursel zu Riemenschneiders Eltern nach Bad Homburg verlegt wird. Die Gemeinde um Riemenschneider heißt jetzt Christuskirche, neuer Mitpastor an seiner Seite ist Paul Sayers, ein englischer Lehrer, der zuvor in Kaiserslautern diente. Der Gemeindeteil um seinen alten Weggefährten Peter Schild führt die Arbeit unter dem Namen Gnadenkirche fort. Wer also die Webadresse erb-frankfurt.de aufruft, landet bei Riemenschneider, nicht bei Schild. Das ist die häufigste Verwechslung in dem ganzen Streit.
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Zwei kleine Zeichen verraten, wie die Kräfte stehen. Die Gnadenkirche um Schild bleibt mit der Mutterkirche in Wetzlar verbunden, während Riemenschneiders Christuskirche zunächst für sich allein steht. Und auf der Internetseite der amerikanischen Heart Cry Mission Society, die einst Schild nach Frankfurt entsandte, werden die Porträts beider Männer kommentarlos entfernt. Die großen amerikanischen Verbündeten, Wilson, Durbin, White, Washer, schweigen zur Spaltung. Am 27. März 2026 legt Riemenschneider in einem anderthalbstündigen Video mit dem Titel „Die ganze Wahrheit“ nach und erhebt nun seinerseits konkrete Vorwürfe gegen Schild.
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Die andere Seite antwortet anders. Auf der Startseite der Gnadenkirche steht ein einziger, kurzer Satz, und er ist die genaue Umkehrung von Riemenschneiders Verfahren. Alles Unwahre und Böse, das nun über sie behauptet werde, wolle man erdulden, ohne sich öffentlich zu verteidigen oder zu rechtfertigen, denn Gott widerstehe den Hochmütigen und schenke den Demütigen Gnade. Kein Anwalt, kein Video, kein Gegenangriff. Nur Schweigen.
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Was läuft hier also, hinter dem Lärm der Kanäle und der gegenseitigen Vorwürfe?
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Der Streit um Geld und Ämter ist Parteivortrag, von außen nicht zu prüfen, und beide Seiten erzählen ihn verschieden. Belegbar ist etwas anderes, und es ist die eigentliche Geschichte. Ein Mann sucht von Kindheit an nach der Gewissheit, zu den wahren Gläubigen zu gehören, und findet diese Gewissheit immer nur in einer neuen, schärferen Trennlinie. Erst das Kopftuch, dann der Widerstand gegen Corona, dann die Impffrage, dann die Theonomie, dann die AfD als einzige wählbare Partei, dann Charlie Kirk als Lackmustest für jeden Pastor. Jede Linie schließt ein paar mehr aus. Bis die letzte Linie quer durch die eigene Gemeinde verläuft und ihn auf der falschen Seite zurücklässt.
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Der Junge, der nachts wach lag aus Angst, allein zurückzubleiben, hat sein halbes Leben damit verbracht, andere auszusortieren. Am Ende steht er, der einst den Drachen töten wollte, vor der verschlossenen Tür der Kirche, die er mitgegründet hat. Eine zweite Tür hat er sich selbst aufgestoßen, die der Christuskirche, und durch die ist er gegangen. Nicht entrückt, nicht ausgesperrt. Nur vor der Frage, ob es die richtige ist, die wahre, nach der er sein Leben lang gesucht hat, oder nur die nächste.
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Zuletzt bearbeitet am 5. Juni 2026, 9:13 von Hans Peter Wepf
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