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Die Christenheit geht in die Drangsalszeit aber nicht durch.

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Die Christenheit geht in die Drangsalszeit
– der Leib Christi aber nicht durch sie hindurch

Die Aussage klingt auf den ersten Blick widersprüchlich. Sie wird klar, sobald man zwei Dinge nicht vermengt, die die Schrift sorgfältig unterscheidet: die Christenheit als sichtbare, geschichtliche Größe und den Leib Christi, die Versammlung des lebendigen Gottes, die in der gegenwärtigen Gnadenzeit aus Juden und Nationen gebildet wird. Die eine geht in die kommende Drangsalszeit hinein. Die andere wird vorher herausgenommen und geht nicht durch sie hindurch.

1. Christenheit und Leib Christi sind nicht dasselbe

Die Schrift kennt eine sichtbare Christenheit. Sie umfasst alle, die den Namen Christi tragen, getauft sind, sich zur Bibel bekennen und in Kirchen, Freikirchen und Gemeinschaften stehen. In ihr sind Weizen und Unkraut beieinander, bis zur Ernte (Matthäus 13,24–30.36–43). Sie enthält Bekehrte und Unbekehrte, Treue und Lauwarme, solche, die Christus wirklich angehören, und solche, die nur den Namen haben.

Der Leib Christi ist etwas anderes. Er ist der eine Organismus, in den alle wahrhaft Gläubigen der Gnadenzeit durch den Geist hineingetauft sind (1. Korinther 12,13). Er ist himmlisch in seiner Berufung, nicht irdisch-national wie Israel. Er ist nicht Gegenstand der 70 Jahrwochen Daniels. Er ist nicht „Jakob“. Er ist nicht das Volk, über das die „Zeit der Drangsal für Jakob“ kommt.

Wer beides gleichsetzt, muss entweder die Gemeinde durch die Drangsal schicken oder Israel seiner noch ausstehenden Verheißungen berauben. Beides widerspricht dem Wort.

Die endzeitliche Gestalt der sichtbaren Christenheit wird im Sendschreiben an Laodizea gezeichnet: reich, selbstzufrieden, lau, weder kalt noch heiß, und der Herr steht draußen und klopft an (Offenbarung 3,14–22). Das ist nicht das Bild der Braut, die dem Bräutigam entgegengeht, sondern das Bild einer Christenheit, die ihren Herrn verloren hat, während sie noch den christlichen Namen führt.

2. Was die Drangsalszeit nach der Schrift ist

Die kommende Drangsalszeit ist nicht einfach „schwere Zeiten für alle Frommen“. Sie hat einen bestimmten heilsgeschichtlichen Ort und einen bestimmten Adressaten.

Daniel 9,24–27 bindet die 70 Jahrwochen an „dein Volk und an deine heilige Stadt“ – Israel und Jerusalem. 69 Wochen sind erfüllt bis auf den Messias, der ausgerottet wird. Die 70. Woche steht noch aus. Sie beginnt nicht mit der Entrückung als solcher, sondern mit dem Bund, den der kommende Fürst mit den Vielen schließt (Daniel 9,27). In der Mitte der Woche wird der Bund gebrochen, der Gräuel der Verwüstung aufgestellt, und die große Drangsal bricht an.

Jeremia 30,7 nennt sie unmissverständlich: „Wehe! Denn groß ist jener Tag, keiner ist wie er; und es ist eine Zeit der Drangsal für Jakob; doch wird er aus ihr gerettet werden.“ Es ist Jakobs Drangsal, nicht die Drangsal der Gemeinde. Daniel 12,1 spricht von einer Zeit der Drangsal, „wie sie nie gewesen ist“, und Michael steht auf für „die Söhne deines Volkes“. Matthäus 24,15–22 handelt von Judäa, vom heiligen Ort, von der Flucht in die Berge und von den Auserwählten jenes Zusammenhangs – nicht von der himmlischen Berufung der Gemeinde.

Die Offenbarung 6–19 beschreibt Siegel-, Posaunen- und Schalengerichte als Zorn Gottes und des Lammes über die Erdbewohner (Offenbarung 6,16–17). Das ist Gerichtscharakter, nicht Gemeindeerziehung. Die Gemeinde der Gnadenzeit ist „nicht zum Zorn bestimmt, sondern zur Erlangung der Errettung durch unseren Herrn Jesus Christus“ (1. Thessalonicher 5,9). Sie erwartet den Sohn aus den Himmeln, „Jesus, der uns errettet von dem kommenden Zorn“ (1. Thessalonicher 1,10).

Wer die Gemeinde in diese Gerichte hineinzieht, macht den Leib Christi zum Gegenstand desselben Zorns, von dem sie ausdrücklich ausgenommen ist. Das würde bedeuten, dass Christus noch einmal in seinen Gliedern unter dem Zorn Gottes leiden müsste. Die Schrift kennt das nicht.

3. Die Entrückung: herausgenommen, bevor die Stunde kommt

Die Hoffnung der Gemeinde ist nicht, die Drangsal zu überstehen, sondern dem Herrn entgegen in die Luft entrückt zu werden.

„Denn der Herr selbst wird mit gebietendem Zuruf, mit der Stimme eines Erzengels und mit der Posaune Gottes herabkommen vom Himmel, und die Toten in Christus werden zuerst auferstehen; danach werden wir, die Lebenden, die übrigbleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden in Wolken dem Herrn entgegen in die Luft; und so werden wir allezeit beim Herrn sein.“ (1. Thessalonicher 4,16–17)

Das ist kein Kommen mit den Heiligen zur Erde zum Gericht, sondern ein Kommen für die Seinen in die Luft. Johannes 14,1–3 spricht vom Vaterhaus, nicht vom irdischen Reich. 1. Korinther 15,51–52 nennt es ein Geheimnis: wir werden nicht alle entschlafen, aber alle verwandelt werden, in einem Nu, bei der letzten Posaune – der Posaune, die die Gemeinde heimholt, nicht die Posaunen der Gerichte in Offenbarung 8–11.

Offenbarung 3,10 gilt der Gemeinde in Philadelphia, die das Wort vom Harren bewahrt hat: „Weil du das Wort vom Harren auf mich bewahrt hast, werde auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird, um die zu versuchen, die auf der Erde wohnen.“ Bewahrung vor der Stunde, nicht in der Stunde. Die Stunde kommt über den Erdkreis und über die Erdbewohner. Die Gemeinde gehört nicht zu dieser Kategorie.

  1. Thessalonicher 2 zeigt die Reihenfolge: Zuerst muss der Abfall kommen und der Mensch der Sünde geoffenbart werden. Etwas und jemand hält noch zurück. Wenn der Zurückhaltende weggetan ist, wird der Gesetzlose offenbar. Solange die Gemeinde als Wohnung des Geistes auf der Erde ist und ihr Zeugnis noch wirkt, ist die volle Entfaltung jenes Abfalls und jenes Menschen zurückgehalten. Die Entrückung räumt das Hindernis weg. Dann kann die 70. Woche ihren Lauf nehmen.

Zwischen Entrückung und öffentlicher Erscheinung muss Zeit liegen: der Richterstuhl Christi (2. Korinther 5,10), die Hochzeit des Lammes (Offenbarung 19,7–9), dann erst das Kommen mit den Heiligen (Offenbarung 19,11–16; 1. Thessalonicher 3,13; Judas 14). Wer beides in ein einziges Ereignis am Ende der Drangsal zusammenschiebt, zerstört diese Abfolge und den Unterschied zwischen Israel und Gemeinde.

4. Was „hineingeht“: die zurückbleibende Christenheit

Nach der Entrückung bleibt eine Christenheit zurück. Nicht der Leib Christi – der ist beim Herrn. Zurück bleibt das, was den christlichen Namen trug, ohne Christus zu besitzen: Kirchen ohne Wiedergeburt, Religion ohne Buße, Bekenntnis ohne Leben, ein System, das das Evangelium der Gnade gehört, verdreht oder abgelehnt hat.

  1. Thessalonicher 2,10–12 ist hier ernst: Wer die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen hat, damit sie errettet würden, über die sendet Gott wirksame Kraft der Verführung, dass sie der Lüge glauben. Das ist keine „zweite Chance“ für solche, die das Evangelium der Gnade bewusst verworfen haben. Es ist Gericht.

Diese zurückbleibende Christenheit tritt in die Drangsalszeit ein. Sie wird Teil der religiösen Landschaft jener Jahre: Vermischung mit politischer Macht, Verführung, schließlich das System, das in Offenbarung 17 als die große Hure erscheint – Babylon, trunken vom Blut der Heiligen, auf dem Tier reitend, bis das Tier sie selbst hasst und verzehrt. Die sichtbare Christenheit geht also hinein. Sie geht nicht als bewahrte Braut durch. Sie steht unter dem Zorn, der über die Erdbewohner kommt.

Zugleich wird in jener Zeit wieder gepredigt – aber nicht dasselbe Evangelium. Es ist das Evangelium des Reiches (Matthäus 24,14), die Ankündigung, dass der König nahe ist und sein Reich aufrichten wird. Menschen aus Israel und aus den Nationen kommen zum Glauben. Sie sind Heilige, Märtyrer, Überwinder jener Zeit (Offenbarung 6,9–11; 7,9–17; 13,7; 14,12–13). Sie gehören aber nicht zum Leib Christi. Sie werden nicht zu einem Leib getauft. Sie bleiben Juden und Nationen, wie vor Pfingsten. Sie gehen durch die große Drangsal und werden daraus errettet – als irdisches Volk für das kommende Reich, nicht als himmlische Versammlung.

Darum die genaue Formulierung: Die Christenheit geht in die Drangsalszeit. Der Leib Christi geht nicht durch sie hindurch. Und die Gläubigen der Drangsalszeit sind nicht „zurückgelassene Christen der Gnadenzeit“, sondern ein anderes Werk Gottes nach Abschluss der Gemeindeperiode.

5. Der Einschub der Gnadenzeit und Römer 11

Die Gemeindezeit ist heilsgeschichtlich ein Einschub. Zwischen der 69. und der 70. Woche Daniels liegt die Berufung des Leibes Christi. Israel ist teilweise verstockt, „bis die Vollzahl der Nationen eingegangen sein wird; und also wird ganz Israel errettet werden“ (Römer 11,25–26).

Solange dieser Einschub dauert, handelt Gott in Gnade an Juden und Heiden und baut den einen Leib. Wenn die Vollzahl erreicht ist, wird die Gemeinde heimgeholt. Dann nimmt Gott sein Programm mit Israel wieder auf. Die 70. Woche läuft. Jakob geht durch die Drangsal und wird aus ihr gerettet. Der Messias erscheint öffentlich. Das Reich wird aufgerichtet.

Wer die Gemeinde durch die 70. Woche schickt, macht aus dem Einschub eine Fortsetzung des Israel-Programms und verwischt den Unterschied, den Paulus in Römer 9–11 und Epheser 2–3 so nachdrücklich festhält. Die Drangsal ist Läuterung und Gericht für Israel und die Nationen im Blick auf das irdische Reich. Die Gemeinde hat eine andere Hoffnung: jederzeitige Heimholung zum Herrn, Richterstuhl, Hochzeit, dann Erscheinen mit Ihm.

Vorbilder unterstreichen das, ohne selbst Lehre zu sein: Henoch wird vor der Flut weggenommen; Noah geht durch die Flut als Bild des bewahrten jüdischen Überrests; Lot wird aus Sodom herausgeführt, bevor das Gericht fällt. Die Gemeinde wird nicht durch das Gericht der Drangsal geläutert. Sie ist schon in Christus vollkommen gemacht und wartet auf die Offenbarung ihrer Herrlichkeit mit Ihm.

6. Praktische Folgerung

Die Lehre ist nicht Spekulation für Endzeit-Fans. Sie stellt eine scharfe Frage an jeden, der sich zur Christenheit zählt.

Gehöre ich zum Leib Christi – wiedergeboren, durch den Geist mit dem Haupt verbunden, wartend auf den Sohn aus den Himmeln? Oder gehöre ich nur zur Christenheit – Name, Tradition, kirchliche Zugehörigkeit, vielleicht sogar Bibelkenntnis, aber ohne lebendige Beziehung zum Herrn?

Die Entrückung ist ohne Vorzeichen. Sie kann heute geschehen. Wer dann zurückbleibt, tritt in eine Zeit ein, für die die Schrift die härtesten Gerichte bereithält. Es gibt dann noch Errettung – aber unter anderen Bedingungen, unter dem Evangelium des Reiches, mitten in Verfolgung, oft um den Preis des Lebens, und nicht mehr als Glied am Leib Christi.

Darum die Mahnung der Briefe: Wacht, seid nüchtern, haltet fest, lasst euch nicht verführen. Die Hoffnung der Gemeinde ist Trost, nicht Angst vor der Drangsal (1. Thessalonicher 4,18; 5,11). Wer die Drangsal für die Gemeinde erwartet, kann nicht in derselben Weise „Amen, komm, Herr Jesus!“ rufen.

Zugleich bleibt die Unterscheidung eine Warnung an die Christenheit als Ganze. Lauheit, Selbstgenügsamkeit, Vermischung mit der Welt, Verachtung der Hoffnung auf die Entrückung – das sind Kennzeichen Laodizeas. Der Herr speit das Laue aus seinem Mund. Er bewahrt die, die sein Wort vom Harren bewahrt haben, vor der Stunde, die über den Erdkreis kommt.

Die Christenheit geht in die Drangsalszeit. Der Leib Christi geht nicht durch sie hindurch. Das ist keine menschliche Konstruktion, sondern die notwendige Folge der Schriftstellen, die Israel und Gemeinde, Zorn und Errettung, Kommen für die Seinen und Kommen mit den Seinen, 70. Woche und Gnadenzeit auseinanderhalten. Wer diese Linien festhält, wird weder Israel seiner Zukunft berauben noch die Gemeinde unter ein Gericht stellen, von dem sie ausdrücklich ausgenommen ist. Und er wird ernst damit machen, heute dem Herrn zu gehören – nicht nur der Christenheit.




IN CHRISTO!
HANS PETER WEPF
BIBELKREIS.CH
YT: MEIN KANAL