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Frage zu Jer.31,18 und Klagelieder 5,21

Q.: Jer. 31, 18 Wohl habe ich Ephraim klagen hören: Du hast mich gezüchtigt, und ich bin gezüchtigt worden wie ein nicht ans Joch gewöhntes Kalb; bekehre mich, daß ich mich bekehre, denn du bist Jehova, mein Gott.

und Klagelieder 5,21 Jehova, bringe uns zu dir zurück, daß wir umkehren; erneuere unsere Tage wie vor alters!

Wie sind diese Verse zu verstehen?
Steht hier der Prophet Jeremia im Flehen für einen ganzen Stamm ein; der aber schon (innerlich) umgekehrt ist?
Und der auf Gott wartet, um weitere, ersehnte, (äußere, sichtbare) Schritte gehen zu dürfen, die aber nur Gott bewirken kann?
A.:

Jeremia 31,18 und Klagelieder 5,21 – Grundsprache, Struktur und Verständnis

1. Der hebräische Text und Transliteration

Jeremia 31,18 (masoretischer Text):

שָׁמוֹעַ שָׁמַעְתִּי אֶפְרַיִם מִתְנוֹדֵד יִסַּרְתַּנִי וָאִוָּסֵר כְּעֵגֶל לֹא לֻמָּד הֲשִׁיבֵנִי וְאָשׁוּבָה כִּי אַתָּה יְהוָה אֱלֹהָי׃

Transliteration (wissenschaftlich angenähert): Shamoaʿ shamati ʾEfrayim mitnoded yissartani waʾivvaser kᵉʿegel loʾ lummad hashiveni wᵉʾashuvah ki ʾattah YHWH ʾelohay.

Wörtlich:
„Hörend habe ich gehört Ephraim, wie er sich hin und her bewegt / klagt: Du hast mich gezüchtigt, und ich bin gezüchtigt worden wie ein Kalb, das nicht gewöhnt ist (ans Joch).
Bringe mich zurück (Hifil), dass ich umkehre (Qal), denn du bist JHWH, mein Gott.“

Klagelieder 5,21:

הֲשִׁיבֵנוּ יְהוָה אֵלֶיךָ וְנָשׁוּבָה חַדֵּשׁ יָמֵינוּ כְּקֶדֶם׃


Hashivenu YHWH ʾeleikha wᵉnashuvah ḥaddesh yameinu kᵉqedem.

„Bringe uns zurück, JHWH, zu dir, dass wir umkehren; erneuere unsere Tage wie vor alters.“

2. Die entscheidende Konstruktion: הֲשִׁיבֵנִי וְאָשׁוּבָה / הֲשִׁיבֵנוּ … וְנָשׁוּבָה

Beide Verse verwenden dieselbe hebräische Doppelung des Verbs שׁוּב (shuv = umkehren, zurückkehren, sich bekehren):

  • Hifil-Imperativ (hashiveni / hashivenu): „Lass mich / uns umkehren / bringe mich / uns zurück.“ Das Hifil ist kausativ – Gott soll die Umkehr bewirken.
  • Qal-Kohortativ / Imperfekt (wᵉʾashuvah / wᵉnashuvah): „dass ich / wir umkehren.“ Das Qal beschreibt die tatsächliche Bewegung des Menschen.

Diese Konstruktion ist kein Zufall. Sie erscheint auch an anderen Stellen (z. B. Ps 80,4.8.20; 85,5) und bringt ein tiefes theologisches Verständnis zum Ausdruck:

Der Mensch kann sich nicht aus eigener Kraft vollständig zu Gott zurückwenden. Die Züchtigung hat ihn bereits zur Einsicht gebracht
(er klagt, er erkennt die Disziplin), aber die vollständige und wirksame Umkehr – sowohl die innere Neuausrichtung als auch die äußere Wiederherstellung
– hängt von Gottes Handeln ab. Sobald Gott „zurückbringt“, kann und wird der Mensch umkehren.

Die Elberfelder Wiedergabe „bekehre mich, dass ich mich bekehre“ trifft diese hebräische Nuance sehr präzise.

3. Wer spricht in Jeremia 31,18?

Es ist nicht primär Jeremia, der hier für den Stamm fleht. Der Text sagt ausdrücklich: „Hörend habe ich gehört Ephraim…“ Gott selbst berichtet,
was er von Ephraim (dem Nordreich / den zehn Stämmen als Gesamtheit) vernommen hat. Der Prophet gibt Gottes Worte wieder.

Ephraim steht hier kollektiv für das abgefallene Nordreich. Nach der Züchtigung (Assyrische Gefangenschaft und ihre Folgen) kommt es zu einer echten inneren Bewegung:
Anerkennung der Züchtigung, Selbstverurteilung („wie ein unerzogenes Kalb“), und der Schrei nach Gott.

In Vers 19 folgt dann die Frucht dieser Umkehr: Reue, Scham, Sich-auf-die-Hüfte-Schlagen. In Vers 20 antwortet Gott mit väterlichem Erbarmen: „Ist mir Ephraim ein teurer Sohn…?“

4. Antwort auf deine Fragen

Steht hier der Prophet im Flehen für einen ganzen Stamm ein, der aber schon (innerlich) umgekehrt ist?

Teilweise ja, aber genauer:

  • Der Stamm (Ephraim) ist im Prozess der Umkehr. Die innere Erkenntnis und das Verlangen sind da („ich bin gezüchtigt worden… bekehre mich“).
  • Die vollständige, wirksame und bleibende Umkehr (besonders die äußere, sichtbare Wiederherstellung –
    Rückkehr ins Land, erneuerte Bundesbeziehung, Wiederherstellung der Tage „wie vor alters“) kann nur Gott bewirken.
  • Der Prophet ist hier nicht der Fürsprecher im engeren Sinn, sondern der Übermittler dessen, was Gott bereits gehört hat. Gott selbst nimmt das Flehen Ephraims auf und antwortet darauf.

Und der auf Gott wartet, um weitere, ersehnte (äußere, sichtbare) Schritte gehen zu dürfen, die aber nur Gott bewirken kann?

Ja, genau das liegt in der Konstruktion. Die Züchtigung hat den inneren Widerstand gebrochen. Jetzt wartet Ephraim darauf, dass Gott die Umkehr vollendet –
sowohl die innere als auch die äußere. Ohne Gottes „hashiveni“ bleibt die Umkehr unvollständig. Mit Gottes Handeln wird sie möglich und wirklich.

Dieselbe Dynamik steht in Klagelieder 5,21 am Ende des ganzen Klagebuches: Nach der detaillierten Beschreibung der Zerstörung und des Gerichts kommt das Gemeindegebet,
das genau dieselbe Abhängigkeit ausdrückt. Die äußere Erneuerung der Tage „wie vor alters“ liegt allein bei Gott.

5. Theologische Bedeutung

Beide Stellen lehren denselben Grundsatz der Schrift:

  • Züchtigung kann zur Erkenntnis führen (Heb 12,5–11).
  • Echte Reue erkennt die eigene Ohnmacht.
  • Die rettende und wiederherstellende Umkehr ist Gottes Werk, auf das der Mensch antwortet.
  • Deshalb ist das Gebet „Bekehre mich, dass ich mich bekehre“ kein Widerspruch, sondern der Ausdruck wahrer Buße.

Es ist weder rein menschliche Leistung noch passive Fatalität, sondern die von Gott bewirkte und vom Menschen ergriffene Umkehr.

Das ist der Kern dieser Verse.

Psalm 80 und die Umkehr

Psalm 80 ist ein Gemeinschaftsklagelied (Asaph), das eng mit dem Thema von Jeremia 31,18 und Klagelieder 5,21 zusammenhängt.
Es geht um die Wiederherstellung / Umkehr des Volkes – besonders der nördlichen Stämme (Joseph, Ephraim, Benjamin und Manasse werden namentlich genannt).

Der Refrain – dreimal wiederholt

Der zentrale Schrei des Psalms ist der dreifache Refrain mit dem Hifil von שׁוּב:

Vers 4 (MT): אֱלֹהִים הֲשִׁיבֵנוּ וְהָאֵר פָּנֶיךָ וְנִוָּשֵׁעָה׃

ʾElohim hashivenu wᵉhaʾer panekha wᵉnivvasheʿah.

„Gott, bringe uns zurück / stelle uns wieder her; und lass dein Angesicht leuchten, so werden wir gerettet.“

Vers 8: אֱלֹהִים צְבָאוֹת הֲשִׁיבֵנוּ וְהָאֵר פָּנֶיךָ וְנִוָּשֵׁעָה׃

ʾElohim tsevaʾot hashivenu …

„Gott der Heerscharen, bringe uns zurück …“

Vers 20: יְהוָה אֱלֹהִים צְבָאוֹת הֲשִׁיבֵנוּ הָאֵר פָּנֶיךָ וְנִוָּשֵׁעָה׃

YHWH ʾElohim tsevaʾot hashivenu haʾer panekha wᵉnivvasheʿah.

„JHWH, Gott der Heerscharen, bringe uns zurück …“

Grammatikalische und theologische Beobachtung

Hier steht nur das Hifil (hashivenu = „lasse uns umkehren / bringe uns zurück / stelle uns wieder her“).

Im Unterschied zu Jeremia 31,18 und Klagelieder 5,21 fehlt hier die explizite Fortsetzung mit dem Qal („dass wir umkehren“). Stattdessen folgt als Folge: „so werden wir gerettet“ (wᵉnivvasheʿah – Niphal von ישע).

Dennoch ist die Grundstruktur dieselbe:

  • Das Volk erkennt, dass es selbst die Umkehr und Wiederherstellung nicht bewirken kann.
  • Es fleht Gott an, den entscheidenden Schritt zu tun (hashiv).
  • Die Errettung und das erneute Leuchten des Angesichts Gottes sind die Folge dieser göttlichen Handlung.

Zusätzlich erscheint in Vers 15 noch einmal das Verb:

אֱלֹהִים צְבָאוֹת שׁוּב־נָא ʾElohim tsevaʾot shuv-na „Gott der Heerscharen, kehre doch zurück!“

Hier ist es der Qal-Imperativ – Gott selbst soll sich wieder dem Volk zuwenden.

Zusammenhang mit Jeremia 31 und Klagelieder 5

Psalm 80 zeigt dieselbe spirituelle Haltung wie die beiden zuvor besprochenen Stellen:

  1. Das Volk ist unter Züchtigung und Not.
  2. Es weiß, dass echte Umkehr und Wiederherstellung von Gott ausgehen müssen.
  3. Der Schrei „hashivenu“ ist Ausdruck echter Abhängigkeit – nicht menschliche Selbstrettung, sondern Bitte um Gottes wirksames Handeln.

Besonders bemerkenswert ist, dass Psalm 80 ausdrücklich die nördlichen Stämme (Ephraim!) im Blick hat.
Damit steht er thematisch sehr nah an Jeremia 31,18, wo Gott das Flehen Ephraims hört.

Die dreifache Steigerung des Refrains
(von „Gott“ → „Gott der Heerscharen“ → „JHWH, Gott der Heerscharen“)
unterstreicht die Dringlichkeit und die wachsende Intensität des Gebets.
-*

Die diesbezügliche Belehrung aus Römer 7

Der Apostel Paulus entfaltet in Römer 7 genau denselben Grundsatz, den wir in Jeremia 31,18, Klagelieder 5,21 und Psalm 80 gesehen haben:
Der Mensch kann die echte Umkehr und das Vollbringen des Guten nicht aus eigener Kraft bewirken. Das Wollen mag da sein – die Kraft fehlt.

Der zentrale Abschnitt (Elberfelder)

Römer 7,14–25:

14 Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist, ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft; 15 denn was ich vollbringe, erkenne ich nicht; denn nicht, was ich will, das tue ich, sondern was ich hasse, das übe ich aus.
16 Wenn ich aber das, was ich nicht will, ausübe, so stimme ich dem Gesetz bei, dass es gut ist.
17 Nun aber vollbringe nicht mehr ich es, sondern die in mir wohnende Sünde.
18 Denn ich weiß, dass in mir, das ist in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt; denn das Wollen ist bei mir vorhanden, aber das Vollbringen des Guten nicht.
19 Denn das Gute, das ich will, übe ich nicht aus, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.
20 Wenn ich aber das, was ich nicht will, ausübe, so vollbringe nicht mehr ich es, sondern die in mir wohnende Sünde.
21 Ich finde also das Gesetz, dass bei mir, der ich das Gute tun will, nur das Böse vorhanden ist.
22 Denn ich habe nach dem inneren Menschen Wohlgefallen am Gesetz Gottes.
23 Aber ich sehe ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das dem Gesetz meines Sinnes widerstreitet und mich in Gefangenschaft bringt unter das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist.
24 Ich elender Mensch! Wer wird mich retten von diesem Leibe des Todes? –
25 Ich danke Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn! Also diene ich nun selbst mit dem Sinn dem Gesetz Gottes, mit dem Fleisch aber dem Gesetz der Sünde.

Der direkte Bezug zur „Umkehr“-Thematik

  • In Jeremia 31,18 sagt Ephraim: „Bekehre mich, dass ich mich bekehre“ (הֲשִׁיבֵנִי וְאָשׁוּבָה).
  • In Psalm 80 und Klagelieder 5 ruft das Volk: „Bringe uns zurück…“ (הֲשִׁיבֵנוּ).

Genau diese Spannung beschreibt Paulus hier:

  1. Das Wollen ist vorhanden (V. 15.18.19.21.22) – der innere Mensch hat Wohlgefallen am Gesetz Gottes und möchte das Gute tun / umkehren.
  2. Das Vollbringen fehlt – im Fleisch wohnt nichts Gutes; ein anderes Gesetz in den Gliedern hält gefangen.
  3. Der Ausruf der Ohnmacht (V. 24): „Ich elender Mensch! Wer wird mich retten…?“ Das ist die neutestamentliche Entsprechung zu „Bekehre mich,
    dass ich mich bekehre“. Der Mensch erkennt, dass er selbst die Wende nicht herbeiführen kann.
  4. Die Antwort kommt von Gott (V. 25 und dann Kapitel 8): Die Rettung und die Kraft zur wirklichen Umkehr und zum neuen Wandel
    kommt durch Jesus Christus und durch den Geist Gottes.

Zusammengefasst

Römer 7 belehrt, dass echte Umkehr und das Tun des Willens Gottes nicht durch menschliche Anstrengung oder das bloße „Wollen“ geschieht.
Der innere Konflikt bleibt, solange man im Fleisch versucht, das Gesetz zu erfüllen. Die Lösung liegt außerhalb des Menschen – in dem rettenden Handeln Gottes durch Christus.
Erst dann wird aus dem „Wer wird mich retten?“ das „Ich danke Gott…“.

Das ist dieselbe Linie, die wir schon im Alten Testament gesehen haben: Gott muss zuerst handeln (hashiveni / hashivenu), damit der Mensch wirklich umkehren und stehen kann.

Martina hat auf diesen Beitrag reagiert.
Martina

Vielen Dank!
Habe zufällig Deine Antwort entdeckt, hatte diesesmal keine EMail Meldung erhalten

Hans Peter Wepf hat auf diesen Beitrag reagiert.
Hans Peter Wepf