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Jesaja 11.15-16 ist noch nicht geschehen. Die Strasse ist noch nicht da.

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Jesaja 11,15–16 beschreibt keine allgemeine Gebirgsbildung, sondern ein Eingreifen JHWHs an den Wasserschranken, ausdrücklich nach dem Muster des Auszugs aus Ägypten. Dadurch wird eine Strasse für den Überrest frei, der von Assur her zurückkommt.
Elberfelder 2023
15Und Jahwe wird die Meereszunge Ägyptens zerstören; und er wird seine Hand über den Strom schwingen mit der Glut seines Hauches, und ihn in sieben Bäche zerschlagen und machen, daß man mit Schuhen hindurchgeht.16Und so wird eine Straße sein von Assyrien her für den Überrest seines Volkes, der übrigbleiben wird, wie eine Straße für Israel war an dem Tage, da es aus dem Lande Ägypten heraufzog. 

 

Hebräisch:

וְהֶחֱרִים יְהוָה אֵת לְשׁוֹן יָם־מִצְרַיִם וְהֵנִיף יָדוֹ עַל־הַנָּהָר בַּעְיָם רוּחוֹ וְהִכָּהוּ לְשִׁבְעָה נְחָלִים וְהִדְרִיךְ בַּנְּעָלִים׃ וְהָיְתָה מְסִלָּה לִשְׁאָר עַמּוֹ אֲשֶׁר יִשָּׁאֵר מֵאַשּׁוּר כַּאֲשֶׁר הָיְתָה לְיִשְׂרָאֵל בְּיוֹם עֲלֹתוֹ מֵאֶרֶץ מִצְרָיִם׃

Transliteration: we-hecherim JHWH et leschon jam-Mizrajim we-henif jado al-ha-nahar ba-jam rucho we-hikkahu le-schiv’a nechalim we-hidrich ba-ne’alim. We-hajeta mesilla lisch’ar ammo ascher jischscha’er me-Aschschur ka’ascher hajeta le-Jisra’el be-jom aloto me-eretz Mizrajim.

Die Wörter tragen das Gewicht:

  • leschon jam-Mizrajim (לְשׁוֹן יָם־מִצְרַיִם) — die „Zunge des Meeres Ägyptens“, ein Meeresarm (Schilfmeer-Arm bzw. der ägyptische Grenzarm; Radak denkt an den Schichor).
  • hecherim (הֶחֱרִים) — bannen, abschneiden, der Vernichtung weihen; dasselbe Wortfeld wie das Zerteilen des Schilfmeeres in Psalm 136,13.
  • ha-nahar (הַנָּהָר) — „der Strom“, in der Elberfelder-Fußnote und bei Targum Jonatan / Radak der Euphrat.
  • ba-jam rucho (בַּעְיָם רוּחוֹ) — mit der Glut / dem sengenden Hauch seines Atems, also ein Windgericht wie in 2. Mose 14.
  • le-schiv’a nechalim (לְשִׁבְעָה נְחָלִים) — in sieben Bäche zerschlagen, sodass man in Sandalen (ne’alim) hindurchgeht.
  • mesilla (מְסִלָּה) — aufgeschüttete Straße, derselbe Begriff wie in Jesaja 19,23; 35,8; 40,3.

Vers 16 bindet das ausdrücklich an den historischen Tag des Heraufzugs aus Ägypten.
Es ist also ein zweiter Auszug, nicht eine blosse politische Metapher.
Der Zusammenhang steht in 11,11:
Jahwes treckt „zum zweiten Mal“ (schenit) seine Hand aus,
um den Überrest aus Assur, Ägypten, Patros, Kusch, Elam, Schinar, Hamat und den Inseln des Meeres zu sammeln.
Die Wasserveränderung ist das Mittel dieses Rückwegs, nicht eine davon getrennte geologische Epoche,
die erst vollständig abgeschlossen sein müsste.

Dieselbe Linie im Tenach

Mehrere Stellen beschreiben denselben Sachverhalt:
Wasserschranken weichen, damit der Überrest zurückkommt.

  • Sacharja 10,10–11: „Ich will sie aus dem Land Ägypten zurückbringen und sie aus Assur sammeln … und er wird durch das Meer der Bedrängnis ziehen und die Wellen im Meer schlagen, und alle Tiefen des Nilstroms (je’or, יְאוֹר) werden vertrocknen; und der Stolz Assurs wird niedergeworfen, und das Zepter Ägyptens wird weichen.“
    Sammlung aus Ägypten und Assur, Nil-Tiefen trocken, assyrische Macht gebrochen — dieselbe Exodus-Typologie.
  • Jesaja 19,5–6 und 19,23:
    Der Nil und die Kanäle Ägyptens versiegen; zugleich entsteht eine Strasse (mesilla) von Ägypten nach Assur,
    und Israel steht als Drittes in der Mitte.
    Die Straße setzt die gedemütigten Wasser- und Machtgrenzen voraus.
  • Jesaja 27,12–13:
    JHWH  Jehova sammelt „einen nach dem anderen“ vom Strom (Euphrat) bis zum Bach Ägyptens;
    die große Posaune (schofar gadol) ruft die Verlorenen aus Assur und die Vertriebenen aus Ägypten.
    Die beiden Grenzflüsse sind wieder die Pole der Sammlung.
  • Jesaja 35,6–10:
    Wasser brechen in der Steppe hervor, und eine Straße (maslul / derech ha-kodesch) ist da für die Erlösten,
    auf der die Befreiten JHWHs nach Zion zurückkehren.
    Hier ist die Veränderung der Wüste der Weg selbst.
  • Jesaja 43,16–19 und 51,10:
    Der, der einen Weg im Meer und einen Pfad in starken Wassern machte, tut ein Neues:
    einen Weg in der Wüste. Das Schilfmeer bleibt das Muster der künftigen Rückführung.
  • Jesaja 50,2:
    „Siehe, durch mein Schelten trockne ich das Meer aus, mache Ströme zur Wüste.“ Die Fähigkeit JHWHs,
    Wasser zu entfernen, wird als Grund der Erlösung genannt.

Was anders gelagert ist

Nicht jede landschaftliche Veränderung im Tenach dient der Rückführung.
Manches gehört zur Ordnung des Königreichs selbst, nachdem das Volk im Land ist:

  • Sacharja 14,4.8:
    Der Ölberg spaltet sich, lebendige Wasser fliessen nach Osten und Westen
    — das ist die Topographie Jerusalems am Tag JHWHs, nicht die Strasse aus Assur.
  • Hesekiel 47: Der Strom aus dem Haus fliesst nach Osten und heilt das tote Meer
    — Tempelordnung des Königreichs.
  • Jesaja 2,2 / Micha 4,1:
    Der Berg des Hauses JHWHs wird über die Hügel erhaben
    — Zielort der Völkerwallfahrt, nicht der Rückweg der Verbannten.

Einordnung

Die Stelle spricht also nicht von etwas anderem.
Sie sagt, dass die Rückführung des Überrestes aus Assur (und im weiteren Kontext aus Ägypten)
wie der erste Auszug ein reales Weichen der Wasser voraussetzt:
die Meereszunge Ägyptens wird abgeschnitten,
der Euphrat durch den Gluthauch JHWHs in durchschreitbare Bäche zerteilt,
und dadurch entsteht die mesilla.
Sacharja 10, Jesaja 19 und Jesaja 27 sagen dasselbe in anderen Worten.
Ob man die „sieben Bäche“ als feste Zahl oder als Ausdruck der Vielheit liest (beides wird bei Radak erwogen),
ändert den Charakter der Aussage nicht:
es ist ein Handeln JHWHs an den Gewässern, parallel zum Tag des Heraufzugs aus Ägypten,
und es gehört zu dem „zweiten Mal“ von Jesaja 11,11.

Was unter Theodor Herzl als politischer Zionismus begann
und 1948 in einen Staat mündete, ist nicht das, was Jesaja 11,15–16 beschreibt.
Das Wort unterscheidet eine Rückkehr ins Land von der messianischen Sammlung des Überrestes,
und es beurteilt den Unglauben dabei nicht als Erfüllung.

Was Jesaja 11 voraussetzt und was fehlt

Jesaja 11,15–16 steht nicht für sich.
Davor kommt der Spross aus der Wurzel Isais (Jesaja 11,1–10),
die Sammlung „zum zweiten Mal“ (schenit, שֵׁנִית, Jesaja 11,11),
das Ende des Neides zwischen Ephraim und Juda, und danach erst das Abschneiden der Meereszunge Ägyptens,
das Zerteilen des Stroms in sieben Bäche und die mesilla (מְסִלָּה) wie am Tag des Heraufzugs aus Ägypten.
Nichts davon ist eingetreten:
kein regierender Spross Isais,
kein Gluthauch über den Euphrat,
keine Straße für den Überrest aus Assur nach dem Muster des Schilfmeers.
Eine politische Rückwanderung ist dieses zweite Exodus-Geschehen nicht.

Das Wort trennt Rückführung und Reinigung

Es gibt im Tenach eine Rückführung,
die der inneren Umkehr vorausgeht
und gerade nicht als gläubige Erfüllung gilt.

Hesekiel 36,22–27 setzt die Reihenfolge fest.
Zuerst: „Nicht um euretwillen tue ich es, Haus Israel, sondern um meines heiligen Namens willen.“
Dann Vers 24:
„Ich werde euch aus den Nationen holen und euch aus allen Ländern sammeln und euch in euer Land bringen.“
Erst danach Vers 25–27:
reines Wasser, Reinigung von den Götzen, neues Herz, neuer Geist.
Das Ins-Land-Bringen wird hier nicht an den Glauben der Zurückkehrenden gebunden,
sondern an den Namen JHWHs. Die Reinigung folgt.

Hesekiel 20,32–38
ist noch schärfer. Israel nimmt sich vor:
„Wir wollen sein wie die Nationen“ (ki-ggojim, כַּגּוֹיִם) und Holz und Stein dienen.
JHWH antwortet: das soll nicht geschehen.
Er führt sie heraus „mit starker Hand und mit ausgestrecktem Arm und mit ausgegossenem Grimm“,
bringt sie in die „Wüste der Völker“ (midbar ha-ammim, מִדְבַּר הָעַמִּים)
und rechtet dort von Angesicht zu Angesicht.
Er lässt sie unter dem Stab hindurchziehen und scheidet die Empörer aus:
herausgeführt aus der Fremde, aber „in das Land Israel soll keiner von ihnen kommen“.
Eine Sammlung im Unglauben wird also angekündigt und zugleich gerichtet.
Der politische Wille, „wie die Nationen“ zu sein, ist genau die Haltung, die dieser Abschnitt verwirft.

Sacharja 12–13
setzt Volk und Stadt schon im Land voraus, bevor die Umkehr kommt.
Über das Haus David und über Jerusalem wird der Geist der Gnade und des Flehens ausgegossen,
„und sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben“ (Sacharja 12,10).
Danach: im ganzen Land werden zwei Teile ausgerottet,
der dritte bleibt und wird durchs Feuer geläutert (Sacharja 13,8–9).
Das Blick-auf-den-Durchbohrten und die Läuterung liegen nach der Anwesenheit im Land, nicht davor.

Daneben bleibt 5. Mose 30,1–6 in Kraft:
die volle, nicht mehr umkehrbare Wiederherstellung ist an die Umkehr des Herzens gebunden.
Amos 9,15 sagt von der letzten Pflanzung:
„sie sollen nicht mehr herausgerissen werden.“
Eine Rückkehr, die diesen Charakter noch nicht hat, ist damit nicht gemeint.

Wie das Wort den Unglauben beurteilt

Das Landrecht selbst hängt am Eid an Abraham (1. Mose 15,18; 17,8), nicht am Glauben einer bestimmten Generation.
Darum kann JHWH um seines Namens willen ins Land bringen, ehe er reinigt (Hesekiel 36,22–24).
Das ist keine Billigung des Unglaubens.
Hesekiel 20 nennt die Sammlung im Geist „wie die Nationen“
ein Handeln mit Grimm, mit Rechtsstreit in der Wüste der Völker und mit Aussonderung der Abgefallenen.
Hesekiel 22,19–22 sammelt sie nach Jerusalem wie Metall in den Schmelzofen.
Jeremia 30 stellt der Herstellung die Drangsal Jakobs voran.

Eine nicht glaubende, politische Vorhut ist deshalb im Wort weder die Erfüllung von Jesaja 11
noch ein neutrales Zwischenspiel.
Sie entspricht dem Muster einer Rückführung vor der Reinigung,
steht unter dem angekündigten Rechtsstreit und ist von der mesilla des zweiten Auszugs klar unterschieden.
Das Wort nennt Herzl nicht.
Es beurteilt die Sache:
Ins-Land-Bringen um des Namens willen ja;
Gleichsetzung mit dem Überrest unter dem Spross Isais nein;
Unglauben bleibt unter Stab, Ofen und Grimm, bis sie auf den blicken, den sie durchbohrt haben. 

Jesaja 11 beschreibt den Messias zuerst als Person und Herrschaft,
danach erst als Sammler des Überrestes.
Die Verse 15–16 hängen an diesem Bild;
ohne Vers 1–10 sind sie nicht zu verstehen.

Herkunft: Spross aus dem Stumpf Isais

Jesaja 11,1:

Und ein Reis wird hervorgehen aus dem Stumpf Isais, und ein Schössling aus seinen Wurzeln wird Frucht bringen.

Hebräisch: we-jatsa choter mi-geza Jischaj we-netser mi-schoraschaw jifreh.

  • choter (חֹטֶר) — ein junger Trieb, ein Reis.
  • geza (גֶּזַע) — Stumpf, abgehauener Stamm. Das Haus Davids liegt als gefällter Baum da (vgl. Jesaja 10,33–34).
  • netser (נֵצֶר) — Schössling aus den Wurzeln. Matthäus 2,23 knüpft den Namen „Nazarener“ an dieses Wort.
  • Nicht „Spross Davids“ zuerst, sondern „aus Isai“. Der Ursprung liegt vor der Königswürde, in der Niedrigkeit des Vaters Davids.

Vers 10 nimmt denselben Stamm wieder auf: „an jenem Tag wird der Wurzelspross Isais dastehen als Banner der Völker“ (schoresch Jischaj, שֹׁרֶשׁ יִשַׁי, als nes, נֵס). Die Nationen suchen ihn.

Ausrüstung: der Geist JHWHs in sechsfacher Fülle

Jesaja 11,2:

Und auf ihm wird ruhen der Geist des Jehovas, der Geist der Weisheit und des Verstandes,
der Geist des Rates und der Kraft, der Geist der Erkenntnis und der Furcht Jahwes.

ruach JHWH (רוּחַ יְהוָה) ruht auf ihm — nicht zeitweise wie auf Richtern oder Königen, sondern bleibend.

Drei Paare:

  1. chokhmah und binah (חָכְמָה / בִּינָה) — Weisheit und Unterscheidung.
  2. etsah und gewurah (עֵצָה / גְּבוּרָה) — Rat und Heldentat.
  3. da’at und jir’at JHWH (דַּעַת / יִרְאַת יְהוָה) — Erkenntnis und Furcht JHWHs.

Vers 3 fügt hinzu: sein Wohlgefallen ist die Furcht JHWHs (wa-haricho be-jir’at JHWH).
Er richtet nicht nach dem, was die Augen sehen, und nicht nach dem, was die Ohren hören.

Herrschaft: Gerechtigkeit für die Geringen, Schlag gegen den Frevler

Jesaja 11,4–5:

Er richtet die Geringen in Gerechtigkeit (tsedeq, צֶדֶק) und entscheidet mit Geradheit für die Sanftmütigen des Landes. Er schlägt die Erde mit dem Stab seines Mundes und tötet den Frevler mit dem Hauch seiner Lippen (be-ruach sefatav, בְּרוּחַ שְׂפָתָיו).

Gerechtigkeit und Treue sind Gurt seiner Lenden und seiner Hüften.
Das Gericht ist Wortgericht, nicht bloss Schwertgericht.
Derselbe Hauch, der in 11,15 den Strom trifft, tötet hier den Frevler.

Frucht der Herrschaft: Frieden bis in die Schöpfung

Jesaja 11,6–9:
Wolf bei dem Lamm, Pardel bei dem Böcklein, Kalb und junger Löwe und Mastvieh zusammen, ein kleiner Knabe leitet sie. Kuh und Bär weiden, Löwe frisst Stroh wie das Rind. Säugling spielt am Loch der Otter.

Grund:
„denn das Land wird voll sein der Erkenntnis Jahwes, wie Wasser das Meer bedecken“ (de’ah et-JHWH, דֵּעָה אֶת־יְהוָה).

Das ist keine blosse Moralpredigt.
Die Ordnung der Tiere folgt der Erkenntnis JHWHs im Land. Der Messias bringt nicht nur Recht unter Menschen, sondern stellt die Schöpfung unter diese Erkenntnis.

Verhältnis zu den Völkern und zu Israel

Jesaja 11,10: Der Wurzelspross Isais steht als Banner (nes) der Völker; die Nationen suchen ihn; seine Ruhestätte ist Herrlichkeit.

Erst danach kommt 11,11–16:
die Hand JHWHs „zum zweiten Mal“ (schenit), Sammlung des Überrestes aus Assur, Ägypten, Patros, Kusch, Elam, Schinar, Hamat und den Inseln des Meeres; Ende des Neides zwischen Ephraim und Juda; Unterwerfung der Nachbarvölker;
dann das Abschneiden der Meereszunge Ägyptens und die Strasse aus Assur.

Der Messias ist also nicht erst der Strassenbauer von Vers 15–16. Er ist zuerst der Geistträger aus Isais Stumpf, der gerechte Richter, der Friedenstifter und das Banner der Nationen. Die Rückführung des Überrestes ist die Folge seiner Aufrichtung, nicht ein politisches Vorspiel ohne ihn.

Damit ist auch die Grenze zur zionistischen Vorhut gezogen:
Jesaja 11 kennt keinen Messias ohne Geist, Gericht und Erkenntnis JHWHs — und keine mesilla ohne diesen Messias. 

Im Wort Gottes stehen zwei Reihen nebeneinander.
Sie dürfen nicht zu einer einzigen gemacht werden.

1. Ins Land gebracht — danach erkannt

Diese Reihe ist in den Propheten deutlich.

Hesekiel 36,24–27
Zuerst: „Ich werde euch aus den Nationen holen und euch aus allen Ländern sammeln und euch in euer Land bringen.“
Danach: reines Wasser, Reinigung von den Götzen, neues Herz, neuer Geist.
Motiv: „Nicht um euretwillen … sondern um meines heiligen Namens willen“ (36,22). Das Ins-Land-Bringen hängt hier nicht am vorherigen Erkennen.

Hesekiel 37,7–14
Die Gebeine kommen zusammen, Sehnen und Fleisch wachsen — noch ohne Odem. Erst danach kommt der Geist, und sie leben. Vers 12–14: Hinaufgeführt aus den Gräbern ins Land, dann „ihr werdet erkennen, dass ich der HERR bin“.

Hesekiel 20,34–38
Herausgeführt mit starker Hand und Grimm, in die Wüste der Völker (midbar ha-ammim), unter den Stab, Empörer ausgeschieden. Manche werden herausgeführt und kommen dennoch nicht ins Land. Das ist Besetzung und Sichtung zugleich, nicht schon die Erkenntnis.

Sacharja 12,10; 13,8–9
Haus David und Bewohner Jerusalems sind bereits da. Dann der Geist der Gnade und des Flehens: „sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben“ (hibbitu elaj et ascher-daqaru). Danach zwei Drittel im Land ausgerottet, ein Drittel durchs Feuer. Das Erkennen geschieht im Land, nicht als Bedingung des Einzugs.

Hesekiel 38–39
Ein Volk, das aus den Nationen zurückgebracht wurde und wohnt — dann Gog — dann: „sie werden erkennen, dass ich der HERR bin.“ Wieder: Wohnen zuerst, Erkennen nach dem Gericht.

Das stützt deine Unterscheidung: eine Inbesitznahme des Landes kann der nationalen Erkenntnis vorausgehen. Das Wort nennt das nicht Glauben und nicht die Erfüllung von Jesaja 11.

2. Umgekehrt — danach gesammelt

Diese Reihe steht vor allem im Gesetz und darf nicht gestrichen werden.

5. Mose 30,1–6
Wenn sie in der Verbannung umkehren (schavta ad-JHWH) mit ganzem Herzen, dann sammelt er sie, bringt sie ins Land, beschneidet das Herz. Hier ist die Umkehr die Voraussetzung der vollen Wiederherstellung.

3. Mose 26,40–45
Schuld bekennen, unbeschnittenes Herz demütigen — dann gedenkt er des Bundes mit den Vätern.

Jesaja 11 selbst
Zuerst der Spross Isais, Geist, Gericht, Banner der Völker (11,1–10). Erst danach die Hand „zum zweiten Mal“ und die Straße aus Assur (11,11–16). Die messianische Sammlung ist an ihn gebunden, nicht an eine glaubenslose Vorhut.

Wie beides zusammensteht

Das Wort beschreibt nicht einen einzigen Einzug.

Vorgang Reihenfolge Charakter
Hes 36; 37; 20; Sach 12–13; Hes 38–39 Land (oder Sammlung) zuerst, Erkennen danach um des Namens willen; mit Grimm, Stab, Ofen; Empörer fallen aus
5Mo 30; 3Mo 26 Umkehr zuerst, dann volle Sammlung und Bleiben Herzbeschneidung; nicht mehr herausgerissen (Am 9,15)
Jes 11 Messias zuerst, dann zweiter Auszug mesilla, Meereszunge, sieben Bäche
 
 

Die politische Inbesitznahme ohne Ihn entspricht der ersten Reihe, nicht der dritten.
Sie ist im Wort vorgesehen als Handeln JHWHs um seines Namens willen
— und zugleich als Zustand unter Gericht, bis sie auf den blicken, den sie durchbohrt haben.
Erst das Erkennen macht aus dem Wohnen im Land das,
was Jesaja 11 und 5. Mose 30 die Wiederherstellung nennen.

Kurz:
Ja, man kann den Unterschied erkennen.
Man muss ihn aber so lassen, wie das Wort ihn lässt:
Land vor der Erkenntnis ist möglich;
Land ohne die spätere Erkenntnis ist nicht das Ziel;
der Einzug von Jesaja 11 ist der Einzug nach dem Spross Isais,
nicht vor ihm.

Jesaja 11 hat eine eigene Reihenfolge.
Sie ist nicht die von Hesekiel 36 (erst ins Land, dann das Herz).
Im Kapitel selbst steht der Messias vorn, die Strasse am Schluss.

1. Der gefällte Stamm — dann der Trieb

Der Zusammenhang beginnt schon in 10,33–34: JHWH haut die hohen Bäume ab.
Dann 11,1: aus dem Stumpf Isais (geza Jischaj) geht ein Reis (choter) hervor, ein Schössling (netser) aus seinen Wurzeln trägt Frucht.
Zuerst Gericht über die Höhe,
dann der Niedrige aus Isai.

2. Der Geist — dann das Richten

11,2–3: Der Geist JHWHs ruht auf ihm (Weisheit, Verstand, Rat, Kraft, Erkenntnis, Furcht JHWHs). Sein Wohlgefallen ist die Furcht JHWHs.
11,3–5: Danach das Gericht: nicht nach Augen und Ohren; Gerechtigkeit für die Geringen; der Frevler stirbt durch den Hauch seiner Lippen. Gerechtigkeit und Treue als Gurt.
Erst die Ausrüstung, dann das Wortgericht.

3. Die Erkenntnis JHWHs — dann der Frieden der Schöpfung

11,6–8 schildert Wolf und Lamm, Kind und Otter.
11,9 gibt den Grund nach dem Bild: „denn das Land wird voll sein der Erkenntnis des HERRN (de’ah et-JHWH), wie Wasser das Meer bedecken.“
Nicht: erst Frieden, dann Erkenntnis — sondern die Erkenntnis füllt das Land, darum weicht die Feindschaft.

4. Das Banner für die Völker — dann die zweite Sammlung Israels

11,10: An jenem Tag steht der Wurzelspross Isais (schoresch Jischaj) als Banner (nes) der Völker; die Nationen suchen ihn; seine Ruhestätte ist Herrlichkeit.
11,11: Dann streckt der Herr „zum zweiten Mal“ (schenit) seine Hand aus, um den Überrest seines Volkes zu erwerben — aus Assur, Ägypten, Patros, Kusch, Elam, Schinar, Hamat und den Inseln des Meeres.
11,12: Er richtet ein Banner auf für die Nationen und sammelt die Vertriebenen Israels und die Zerstreuten Judas von den vier Enden der Erde.

In diesem Kapitel kommt also zuerst das Banner — der Messias, den die Völker suchen —, und erst danach die Sammlung des Überrestes.

5. Die Einheit der Stämme — dann der Stoss nach aussen

11,13: Der Neid Ephraims weicht, Juda bedrängt Ephraim nicht mehr.
11,14: Dann fliegen sie gemeinsam auf die Philister westwärts, plündern die Söhne des Ostens; Edom, Moab, Ammon.
Erst die innere Heilung der zwei Häuser, dann das gemeinsame Handeln nach außen.

6. Zuletzt die Wasser und die Strasse

11,15–16 stehen am Ende der Kette: JHWH schneidet die Meereszunge Ägyptens ab, schwingt die Hand über den Strom (nahar) mit dem Gluthauch, zerschlägt ihn in sieben Bäche, man geht in Sandalen hindurch. So entsteht die Strasse (mesilla) für den Überrest aus Assur — wie am Tag des Heraufzugs aus Ägypten.

Die geologische bzw. hydrologische Veränderung ist in Jesaja 11 nicht der Anfang, sondern die Folge der Aufrichtung des Spross Isais und der zweiten Sammlung.

Die Reihe des Kapitels in einem Zug

  1. Stumpf Isais → Spross
  2. Geist JHWHs auf ihm
  3. gerechtes Wortgericht
  4. Erkenntnis JHWHs füllt das Land → Frieden bis zu den Tieren
  5. Wurzelspross als Banner der Völker
  6. Hand zum zweiten Mal: Überrest aus den Nationen
  7. Ephraim und Juda eins
  8. gemeinsame Unterwerfung der Nachbarn
  9. Meereszunge und Strom weichen → Strasse wie beim ersten Auszug

Jesaja 11 beschreibt also nicht: erst Land besetzen, dann Ihn erkennen.
Es beschreibt:
erst Er (Geist, Gericht, Banner, Erkenntnis),
>>> dann die Sammlung und
>>>>>>ganz zuletzt die Strasse durch die Wasser.
Die Reihe von Hesekiel 36 (Land, dann Wasser der Reinigung) bleibt daneben stehen;
sie ist ein anderes Kapitel und
ein anderer Abschnitt des Handelns.
In Jesaja 11 selbst kommt niemand auf der mesilla an, bevor der Spross Isais dasteht.

 




IN CHRISTO!
HANS PETER WEPF
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