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Johannes 20,21–23 – Sendung, Einhauchen und Vergebung am Abend des ersten Tages (nicht Pfingsten, nicht der Leib Christi)


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Johannes 20.21-23

Johannes 20,21–23.

Der Rahmen ist der Abend des ersten Tages der Woche – der Auferstehungstag, der Tag der Erstlinge nach 3. Mose 23 und 1. Korinther 15.
Die Türen sind verschlossen aus Furcht vor den Juden. Thomas fehlt. Der Auferstandene steht in der Mitte, zeigt die Male und spricht zweimal: Friede euch.

Dann drei Sätze, die nur Johannes so berichtet:

Erstens die Sendung: Gleichwie der Vater mich ausgesandt hat, sende ich auch euch.
Griechisch: kathōs apestalken me ho patēr, kagō pempō hymas.

Zweitens das Einhauchen: Er haucht in sie – dasselbe Verb wie in 1. Mose 2,7 LXX: enephysēsen – und sagt: Empfanget heiligen Geist. Ohne Artikel: labete pneuma hagion.

Drittens das Vergeben und Behalten: Welchen irgend ihr die Sünden vergebet, denen sind sie vergeben
– Perfekt Passiv: apheōntai – welchen irgend ihr sie behaltet, sind sie behalten – kekratēntai.

Drei Fragen führen uns durch die Stunde:

  1. Was geschieht beim Einhauchen – und warum ist das nicht Apostelgeschichte 2?
  2. Was sagt das Perfekt in Vers 23:
    handeln die Jünger zuerst, oder sagen sie an, was Gott bereits getan hat?
  3. Wie unterscheidet sich diese Sendung an den Jüngerkreis Israels von der Sendung in den Lehrbriefen, besonders 2. Korinther 5?

Wir bleiben beim Wort.
Der Tag heißt in der Schrift nicht "kirchlich", sondern: der erste Tag der Woche.“

 (Elberfelder 2023)

Übersichtstabelle

Vers Was der Herr tut / sagt Griechisch (kurz) Die eine Frage
21 Frieden. Sendung wie der Vater den Sohn gesandt hat apestalken (Perfekt) / pempō (Präsens) Wen sendet er hier – und wohin heilsgeschichtlich?
22 Er haucht in sie. „Empfanget heiligen Geist“ enephysēsen · pneuma hagion (ohne Artikel) Schöpfung (1. Mo 2,7) oder Pfingsten (Apg 2)?
23 Sünden vergeben / behalten apheōntai · kekratēntai (Perfekt Passiv) Wer vergibt wirklich – und was tun die Jünger?
 
Zeitpunkt: Abend des ersten Tages der Woche · noch nicht aufgefahren (20,17) · Pfingsten noch ausstehend · Paulus noch nicht berufen · Geheimnis des Leibes noch verborgen.

Johannes 20,21–23 steht am

am Abend des ersten Tages der Woche. , hinter verschlossenen Türen,
bei den
Jüngern (Thomas fehlt noch).
Der
Auferstandene tritt in ihre Mitte, zeigt die Male und spricht zweimal Frieden zu.
Dann
folgt diese einzigartige Szene.

Elberfelder 20235:

21 Jesus sprach nun wiederum zu ihnen: Friede euch! Gleichwie der Vater mich ausgesandt hat, sende ich auch euch.

22 Und als er dies gesagt hatte, hauchte er in sie und spricht zu ihnen: Empfanget ̶d̶̶e̶̶n̶ Heiligen Geist!

23 Welchen irgend ihr die Sünden vergebet, denen sind sie vergeben, welchen irgend ihr sie behaltet, sind sie behalten.

Die Elberfelder 2023 
„Wie der Vater mich ausgesandt hat, sende ich auch euch … hauchte er sie an … Empfangt  ̶d̶̶e̶̶n̶ Heiligen Geist!
Wenn ihr jemandem die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben …“

Griechisch mit Umschrift

V. 21

εἰρήνη ὑμῖν· καθὼς ἀπέσταλκέν με ὁ πατήρ, κἀγὼ πέμπω ὑμᾶς.

eirene hymin; kathos apestalken me ho pater, kago pempo hymas.

„Friede euch! Gleichwie der Vater mich ausgesandt hat (Perfekt: apestalken),
sende
ich euch (pempo, Präsens).“

V. 22

ἐνεφύσησεν καὶ λέγει αὐτοῖς· λάβετε πνεῦμα ἅγιον.

enephysesen kai legei autois: labete pneuma hagion.

„Er hauchte (hinein) und sagt: Empfanget heiligen Geist.“

Wichtig: im Griechischen steht kein Artikel – nicht „den Heiligen Geist“ als bereits vollendete Pfingsttaufe,
sondern „heiligen Geist / Geist, der heilig ist“.
Das Verb
enephysesen ist dasselbe wie in der LXX von 1. Mose 2,7,
wo Gott dem Menschen den Lebensodem einhaucht.

V. 23

ἄν τινων ἀφῆτε τὰς ἁμαρτίας ἀφέωνται αὐτοῖς, ἄν τινων κρατῆτε κεκράτηνται.

an tinon aphete tas hamartias apheontai autois, an tinon kratete kekratentai.

„Welchen irgend ihr die Sünden vergebt, sind sie ihnen vergeben (Perfekt Passiv);
welchen irgend ihr sie behaltet,
sind sie behalten (Perfekt Passiv).“

Das Perfekt beschreibt einen feststehenden Zustand.
Das Passiv ist göttliches Passiv:
Gott hat vergeben bzw. behalten;
die Jünger
erklären das, was Gott aufgrund der Antwort auf die Botschaft bereits getan hat.

Heilsgeschichtliche Einordnung

Der Zeitpunkt ist entscheidend.

  • Es ist

    der Tag, an dem der Herr auferstanden ist

    Abend, noch vor der Himmelfahrt
    (vgl. 20,17: „Ich bin noch nicht aufgefahren“).

  • Pfingsten liegt noch etwa fünfzig Tage voraus (Apg 1,4–8; 2,1–4).
  • Paulus ist noch nicht bekehrt (Apg 9).
    Das Geheimnis des Leibes Christi, der einen neuen Menschen aus Juden und Heiden, ist noch verborgen
    (Eph 3,1–9; Kol 1,25–27).
  • Angeredet sind die Jünger des irdischen Dienstes Jesu
    – der Kreis, der später als Apostel der Beschneidung gilt (Gal 2,7–9).
    Sie gehören in das Zeugnis an Israel und in das, was in der Apostelgeschichte noch als Angebot an die Nation
    und als Zeugnis „in Jerusalem und in ganz Judäa und Samaria“ weitergeht.

Diese Stelle gründet nicht den Leib Christi.

Sie ist Sendung und Ausrüstung dieser Jünger im Rahmen des Programms,
das mit Johannes dem Täufer und dem irdischen Dienst des Messias an Israel begonnen hat
und nach der Auferstehung in seine nächste Phase tritt.
Der Vergleich „wie der Vater mich gesandt hat“ knüpft an Johannes 17,18 an
und bleibt in der Linie des Sohnes, der zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt war (Mt 15,24),
nun aber die Seinen in derselben Gesinnung weitersendet.

Das Einhauchen ist Neuschöpfungsmotiv, nicht die Geistestaufe von 1. Korinther 12,13.
Es ist Zeichen, Zusage und Anfang – entweder eine vorläufige Begabung
oder (nach anderer, ebenfalls ernsthafter Lesart) eine proleptische, zeichenhafte Handlung,
die auf das verweist, was nach der Auffahrt und am Pfingsttag öffentlich geschieht.
Beides hält fest:
Johannes 20,22 und Apostelgeschichte 2
sind nicht einfach dieselbe Gabe zum selben Zeitpunkt.
Lukas lässt die Jünger ausdrücklich
warten auf die Kraft aus der Höhe.
Johannes verdichtet Auferstehungstag, Sendung und Geist in einer Szene, weil bei ihm die Verherrlichung des Sohnes
 (Kreuz, Auferstehung, Gang zum Vater) der Zeitpunkt ist, von dem an der Geist „gegeben“ wird (Joh 7,39).

Die Vollmacht in Vers 23 ist keine unabhängige "Priester"gewalt,
Sünden
ewig zu tilgen oder festzuhalten. Nur Gott vergibt Sünden (Mk 2,7).
Die Jünger verkündigen Vergebung in seinem Namen und üben, wo nötig, zuchtmäßige Unterscheidung.
Wer die Botschaft vom auferstandenen Christus im Glauben annimmt, dem
ist vergeben; wer sie verwirft, dem bleibt die Sünde.
Das Perfekt unterstreicht: sie stellen fest, was Gott bereits entschieden hat.

Bezug in die Lehrbriefe

Die Sache kehrt in den Briefen wieder, aber in der Ordnung der Gnadenzeit und des Leibes:

  • Frieden: 
    Römer 5,1; Epheser 2,14–17; Kolosser 1,20. Der auferstandene Christus ist unser Friede.
  • Sendung: 
    2. Korinther 5,18–20 – der Dienst der Versöhnung; „so sind wir nun Gesandte an Christi Statt“.
    Das ist die paulinische Entsprechung zur Sendung, aber auf dem Boden
    des vollendeten Evangeliums der Gnade und des Geheimnisses.
  • Geist: 
    Römer 8; 1. Korinther 12,13 (Geistestaufe in den einen Leib); Epheser 1,13–14
    (Versiegelung nach dem Hören und Glauben).
    Das ist die Gabe für alle, die in Christus sind – zeitlich und heilsgeschichtlich nach Pfingsten und nach der Offenbarung an Paulus.
  • Vergebung der Sünden:
     Epheser 1,7; Kolosser 1,14; 2,13 – in seinem Blut, nicht durch apostolische Absolution. Apostelgeschichte 13,38–39
    (Paulus in Antiochien): durch diesen wird euch Vergebung der Sünden verkündigt, und von allem, wovon ihr durch
    das Gesetz Moses nicht gerechtfertigt werden konntet, wird in diesem jeder Glaubende gerechtfertigt.
  • Behalten / Vergeben im Kreis der Gläubigen: 
    1. Korinther 5 (Ausschluss); 2. Korinther 2,5–11
     (Wiederannahme des Umkehrenden). Das ist Gemeindezucht und Wiederherstellung, nicht das Austeilen oder Vorenthalten der ewigen Erlösung.

Die Apostel in Johannes 20 handeln also als Zeugen des Auferstandenen mit Vollmacht,
die Botschaft zu binden und zu lösen. Paulus übt später in den Gemeinden eine analoge,
vom Geist geleitete Unterscheidung – immer unter dem Vorzeichen: Vergebung ist in Christus fertig;
die Versammlung erkennt an oder weist ab, was mit diesem Evangelium übereinstimmt.

Warum steht das nur im Johannesevangelium?

Nicht weil die Synoptiker es „vergessen“ hätten,
sondern weil jeder Evangelist nach seinem Auftrag
auswählt.

  • Matthäus 28,18–20: alle Vollmacht, Jünger aller Nationen, Taufe, Halten alles Gebotenen.
  • Markus 16,15–18: Evangelium der ganzen Schöpfung, Zeichen.
  • Lukas 24,46–49 + Apostelgeschichte 1: Umkehr und Vergebung der Sünden in
    seinem Namen unter allen Nationen,
    anfangend von Jerusalem; wartet auf die Kraft aus der Höhe.
  • Johannes:
     Frieden, Sendung „wie der Vater mich“,
    Einhauchen (Neuschöpfung),
    Empfang heiligen Geistes,
    Vergeben/Behalten der Sünden.

Johannes schreibt später und mit eigenem Ziel (20,30–31):
dass ihr glaubt, dass Jesus der Christus, der Sohn Gottes ist, und dass ihr glaubend Leben habt in seinem Namen.
Er erzählt weder die vierzig Tage noch Pfingsten, weil bei ihm der Geist an die Verherrlichung des Sohnes gebunden
ist und die "österliche" Erscheinung bereits Sendung,
Leben und Zeugnisvollmacht zusammenfasst.
Die Szene erfüllt ausserdem Verheissungen der Abschiedsreden:
Frieden (14,27), Wiederkommen zu den Seinen (14,18), Freude (16,22),
Sendung und Zeugnis des Geistes (15,26–27; 16,7–11).

Die vier Zeugnisse widersprechen einander nicht.
Sie beleuchten dieselbe Wirklichkeit von verschiedenen Seiten:
das Königreichszeugnis an Israel und die Nationen (Synoptiker + Apostelgeschichte)
 und das johanneische Zeugnis vom Sohn, der Leben gibt und die Seinen in die Welt sendet,
wie er selbst gesandt war.

Heilsgeschichtlich
bleibt der Kreis der Angeredeten der Jüngerkreis vor Paulus;
die Anwendung auf uns heute geschieht über das Evangelium der Gnade und den Dienst der Versöhnung in den Lehrbriefen –
nicht durch eine direkte Übertragung dieser österlichen Beauftragung auf den Leib Christi als Institution mit Sündenvergebungsgewalt.

Wer die Stelle aus ihrem Zeitpunkt und aus dem Unterschied Israel / Leib Christi löst,
macht entweder aus Johannes 20 ein „johanneisches Pfingsten“, das Apostelgeschichte 2 überflüssig macht,
oder aus Vers 23 ein Amt, das die Schrift den Aposteln so nicht fortgeschrieben hat. Beides verträgt sich weder mit Lukas noch mit Paulus.

Die drei Punkte so weit, wie der Text und der heilsgeschichtliche Zusammenhang tragen.

Den Tag nenne ich durchgehend so, wie die Schrift ihn nennt: der erste Tag der Woche,

der Auferstehungstag, der Tag der Erstlinge (3. Mose 23,11; 1. Korinther 15,20)

 

1. Das Einhauchen (Johannes 20,22)

Text (Elberfelder 1905)
„Und als er dies gesagt hatte, hauchte er in sie und spricht zu ihnen:
Empfanget den Heiligen Geist!“

Griechisch
καὶ τοῦτο εἰπὼν ἐνεφύσησεν καὶ λέγει αὐτοῖς· λάβετε πνεῦμα ἅγιον.
kai touto eipon enephysesen kai legei autois: labete pneuma hagion.

Das Verb

ἐνεφύσησεν (enephysesen) ist Aorist von ἐμφυσάω (emphusao): hineinblasen, einhauchen.
Im ganzen NT steht das Verb nur hier. In der LXX erscheint dieselbe Form in 1. Mose 2,7:

καὶ ἐνεφύσησεν εἰς τὸ πρόσωπον αὐτοῦ πνοὴν ζωῆς
kai enephysesen eis to prosopon autou pnoen zoes
„und er hauchte in sein Angesicht Odem des Lebens“

Dazu Hesekiel 37,9 LXX: ἐνεφύσησον εἰς τοὺς νεκρούς τούτους καὶ ζησάτωσαν – „hauche in diese Toten, dass sie leben.“ Dasselbe Verb begegnet auch in Weisheit 15,11.
Johannes greift also bewusst die Schöpfungs- und Auferstehungssprache der Schrift auf:
der letzte Adam handelt wie der Schöpfer.

Wichtig:
Bei Johannes fehlt das Objekt „in ihr Angesicht“. Er schreibt nur ἐνεφύσησεν.
Manche (Carson) übersetzen darum nüchtern „er hauchte“ und sehen darin eine zeichenhafte Handlung ohne zwingende Mitteilung in diesem Augenblick.
Andere halten fest: das Präfix ἐν- bleibt „hinein/auf“, und Elberfelder trifft das mit „hauchte er in sie“.
Beides ändert nichts am Hauptpunkt: es ist Neuschöpfungsmotiv, nicht die Pfingsterzählung von Apostelgeschichte 2.

Ohne Artikel: πνεῦμα ἅγιον

Im Griechischen steht kein Artikel:
pneuma hagion, nicht τὸ πνεῦμα τὸ ἅγιον. Das ist kein Beweis gegen den Heiligen Geist (der Ausdruck kann als Eigenname mit oder ohne Artikel stehen).
Es warnt aber davor, hier automatisch die volle Pfingstgabe, die Geistestaufe in den einen Leib (1. Korinther 12,13) oder das Kommen des Parakleten nach der Auffahrt
(Johannes 16,7) einzulesen. Johannes selbst hat in 14,26 den Artikel gesetzt. Hier lässt er ihn weg.

Der Zeitpunkt zwingt zur Unterscheidung

  • Johannes 20,17:
    „Ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater.“
  • Johannes 7,39:
    der Geist war noch nicht da, weil Jesus noch nicht verherrlicht war. Die Verherrlichung umfasst bei Johannes Kreuz, Auferstehung und Gang zum Vater.
  • Lukas 24,49
    und Apostelgeschichte 1,4–8: wartet in Jerusalem auf die Kraft aus der Höhe; „ihr werdet mit Heiligem Geist getauft werden nicht viele Tage nach diesen.“
  • Apostelgeschichte 2 geschieht fünfzig Tage später, öffentlich, mit Sprachen, zur Bezeugung an Israel.

Drei Lesarten bleiben schriftgemäss diskutabel:

  1. Zeichenhafte Zusage (Carson, Köstenberger): ein handelndes Gleichnis auf das bevorstehende Kommen des Geistes nach der Auffahrt.
    Der Imperativ λάβετε (labete, Aorist) muss nicht „jetzt sofort in euch hinein“ bedeuten; Johannes kennt Imperative, die Bevorstehendes meinen.
    Nach der Szene bleiben die Türen verschlossen (20,26); ein sichtbarer Bruch im Leben der Jünger wird nicht berichtet.
  2. Vorläufige, begrenzte Gabe für den Auftrag der nächsten Wochen, noch nicht die bleibende Innewohnung und nicht die Taufe in den Leib.
  3. Johanneische Verdichtung: Johannes erzählt nicht Pfingsten, weil bei ihm der Geist an die Verherrlichung des Sohnes gebunden ist.
    Er fasst Sendung, Leben und Zeugnisvollmacht in der Erscheinung am Abend des ersten Tages der Woche zusammen. Das hebt Apostelgeschichte 2 nicht auf; es ist ein anderes Zeugnis mit anderem Schwerpunkt.

Heilsgeschichtlich entscheidend:
Empfänger sind die Jünger des irdischen Dienstes, der Kreis der Zwölf (Thomas fehlt noch).
Das Geheimnis des Leibes Christi ist noch nicht offenbart.
Paulus ist noch nicht berufen.
Diese Handlung gründet nicht die Versammlung, die sein Leib ist.

Paulus sagt später:
„Der letzte Adam wurde zum lebendig machenden Geist“ (1. Korinther 15,45).
Das Einhauchen am Auferstehungstag ist der Schatten dieser Wirklichkeit;
die öffentliche Ausgiessung und die Bildung des einen Leibes liegen zeitlich und offenbarungsmässig danach.


2. Das Perfekt in Vers 23

Text
„Welchen irgend ihr die Sünden vergebet, denen sind sie vergeben, welchen irgend ihr sie behaltet, sind sie behalten.“

Griechisch
ἄν τινων ἀφῆτε τὰς ἁμαρτίας ἀφέωνται αὐτοῖς, ἄν τινων κρατῆτε κεκράτηνται.
an tinon aphete tas hamartias apheontai autois, an tinon kratete kekratentai.

Die Formen

Form Grammatik Bedeutung
ἀφῆτε (aphete) Aorist Aktiv Konjunktiv 2. Pl. von ἀφίημι „wenn ihr (irgendwann) vergebt / entlasst“
ἀφέωνται (apheontai) Perfekt Passiv Indikativ 3. Pl. „sie sind vergeben / sie stehen als vergeben da“
κρατῆτε (kratete) Präsens Aktiv Konjunktiv 2. Pl. von κρατέω „wenn ihr festhaltet / behaltet“
κεκράτηνται (kekratentai) Perfekt Passiv Indikativ 3. Pl. „sie sind behalten / sie stehen als festgehalten da“
 
 

ἄν + Konjunktiv = unbestimmte Bedingung: „welchen irgend“.
Das Passiv ist göttliches Passiv: der Handelnde ist Gott, nicht der Jünger als selbständige Quelle.
Das Perfekt beschreibt einen abgeschlossenen Vorgang mit fortbestehendem Ergebnis: nicht „werden dann vergeben“, sondern „sind bereits im Zustand des Vergebenseins“.

Textkritisch: NA28/SBL lesen ἀφέωνται (Perfekt).
Der Textus Receptus hat an dieser Stelle ἀφίενται (Präsens).
Das zweite Verb, κεκράτηνται, steht in beiden Überlieferungen im Perfekt.
Das Parallelglied sichert den Perfekt-Sinn.

Was das Perfekt theologisch leistet

Zwei Lesarten stehen einander gegenüber:

A. Die Jünger handeln zuerst, der Himmel bestätigt nachträglich („was ihr auf Erden bindet, wird im Himmel gebunden gewesen sein“).
B. Gott hat bereits gehandelt; die Jünger erklären den Zustand, der vor Gott feststeht.

Der Perfekt-Passiv neigt stark zu B. Gott vergibt. Die Jünger verkündigen und erkennen an, was Gott aufgrund der Antwort auf die Botschaft vom auferstandenen Christus getan hat.
Wer glaubt, dem sind die Sünden vergeben; wer verwirft, dem bleiben sie. Das ist keine unabhängige Priestergewalt, Sünden ewig zu tilgen oder festzuhalten.
Markus 2,7 bleibt stehen: „Wer kann Sünden vergeben außer einem, Gott?“

ἀφίημι heißt grundlegend „entlassen, loslassen, wegschicken“. κρατέω heißt „festhalten, in der Gewalt behalten“.
Es geht um das Loslassen oder Festhalten der Schuld im Blick auf die Botschaft –
nicht um ein sakramentales Amt, das später auf Nachfolger übergeht.

Parallelen, die man nicht vermischen darf

Matthäus 16,19 und 18,18 (binden/lösen)
stehen im Zusammenhang von Israel, Schlüssel des Himmelreichs und Gemeindezucht unter Jüngern.
Johannes 20,23 sagt ausdrücklich „Sünden vergeben/behalten“ und knüpft das an den Geist und die Sendung dieses Kreises am Abend des Auferstehungstages. Die Sache berührt sich, die Programme sind nicht identisch.

In der Apostelgeschichte tun die Apostel genau das, was das Perfekt nahelegt:
sie verkündigen Vergebung, sie sprechen sie nicht aus eigener Macht zu.

  • Apostelgeschichte 2,38; 3,19; 5,31; 10,43:
    Vergebung durch seinen Namen, jedem, der glaubt.
  • Apostelgeschichte 13,38–39
    (Paulus): „So sei euch nun kund, Brüder, dass durch diesen euch Vergebung der Sünden verkündigt wird; und von allem,
    wovon ihr im Gesetz Moses nicht gerechtfertigt werden konntet, wird in diesem jeder Glaubende gerechtfertigt.“

Das ist die Ausübung von Johannes 20,23 im Zeugnis: Ansage dessen, was Gott in Christus getan hat.


3. Der Unterschied zur Sendung in den Lehrbriefen

Johannes 20,21
εἰρήνη ὑμῖν· καθὼς ἀπέσταλκέν με ὁ πατήρ, κἀγὼ πέμπω ὑμᾶς.
eirene hymin; kathos apestalken me ho pater, kago pempo hymas.

Zwei verschiedene Verben:

  • ἀπέσταλκεν (apestalken): Perfekt von ἀποστέλλω – der Vater hat den Sohn ausgesandt (abgeschlossene Sendung mit bleibendem Ergebnis).
  • πέμπω (pempo): Präsens von πέμπω – „ich sende euch“ (jetzt, andauernd).

Johannes setzt oft ἀποστέλλω für die Sendung des Sohnes durch den Vater und πέμπω für das Weitersenden.
Die Jünger werden nicht „wie der Vater den Sohn“ in dem Sinn gesandt, dass sie selbst Söhne in derselben Wesenseinheit wären.
Sie werden gesandt in derselben Linie der Offenbarung: den Vater durch den Sohn bezeugen, Leben ansagen, Sünde und Unglauben aufdecken (Johannes 16,8–11; 17,18).

Wer wird hier gesandt?

Die Jünger hinter verschlossenen Türen, aus Furcht vor den Juden, am Abend des ersten Tages der Woche. Thomas fehlt. Es ist der Kreis, der in Galater 2,7–9
als Apostolat der Beschneidung erscheint: Petrus, Johannes und die übrigen bei den Juden; Paulus zu den Nationen. Ihre Sendung gehört in das
Zeugnis an Israel nach der Auferstehung, das in Apostelgeschichte 1–7 (und darüber hinaus im petrinischen Dienst) weitergeht: Umkehr, Wiederherstellung, Verheissung an Abrahams Samen.

Das ist nicht die Offenbarung des Geheimnisses.

Die Sendung in den Lehrbriefen

  1. Korinther 5,18–21:

„Alles aber von dem Gott, der uns mit sich selbst versöhnt hat durch Christus und uns den Dienst der Versöhnung gegeben hat: nämlich dass Gott in Christus war, die Welt mit sich selbst versöhnend,
ihnen ihre Übertretungen nicht zurechnend, und hat in uns das Wort der Versöhnung gelegt. So sind wir nun Gesandte (presbeuomen) an Christi Statt, indem Gott gleichsam durch uns ermahnt; wir bitten für Christus: Lasst euch versöhnen mit Gott!“

Unterschiede, die man nicht einebnen darf:

Johannes 20 Lehrbriefe (bes. Paulus)
Jünger des irdischen Dienstes, Rest Israels Paulus als Apostel der Nationen; der Leib aus Juden und Heiden
„wie der Vater mich gesandt hat“ – Fortsetzung der Sendung des Sohnes in die Welt Israels und dann der Nationen im Rahmen der Verheißung „an Christi Statt“ – Gesandte einer bereits vollbrachten Versöhnung
Geist-Zeichen vor der Auffahrt; Warten auf Kraft aus der Höhe bleibt bei Lukas bestehen Versiegelung nach Hören und Glauben (Eph 1,13); Taufe in einen Leib (1. Kor 12,13)
Vergeben/Behalten als apostolische Ansage im Zeugnis Vergebung ist in seinem Blut (Eph 1,7; Kol 1,14); Gemeindezucht betrifft den Wandel, nicht die Heilsgrundlage (1. Kor 5; 2. Kor 2)
Geheimnis noch verborgen Das Geheimnis jetzt offenbart (Eph 3,1–9; Kol 1,25–27)
 
 

Paulus ist nicht einer der Zehn von Johannes 20,22.
Er hat den Herrn als den Auferstandenen gesehen (1. Korinther 15,8; 9,1),
aber seine Sendung kommt durch Offenbarung Jesu Christi,
nicht durch das Einhauchen in jenem Obergemach (Galater 1,1.11–12).
Die Zwölf reichen ihm die Rechte der Gemeinschaft (Galater 2,9) – zwei Apostolate, nicht eines.

Darum darf man Johannes 20,21 nicht einfach als „die Große Sendung der Kirche“
über den Leib Christi stülpen. Die Analogie ist da: auch wir tragen eine Botschaft.
Die Identität der Beauftragung ist nicht da.
Unser Auftrag steht in 2. Korinther 5: das Wort der Versöhnung ausrichten,
weil Gott in Christus die Welt mit sich versöhnt hat. Wir bitten: Lasst euch versöhnen. Wir sprechen nicht in eigener Vollmacht Sünden zu oder ab.

Was sich dennoch berührt

  • Frieden: Johannes 20,19.21 und Römer 5,1; Epheser 2,14–17. Derselbe Auferstandene ist unser Friede – einmal den erschrockenen Jüngern zugesprochen, einmal den Fernen und Nahen im Kreuz verkündigt.
  • Verkündigung der Vergebung: Johannes 20,23 in der Ausübung = Apostelgeschichte 13,38–39; Kolosser 1,14.
  • Zucht im Kreis der Gläubigen: 1. Korinther 5 und 2. Korinther 2,6–10 sind die nächste sachliche Entsprechung zum „Behalten“ und späteren „Vergeben“ –
    aber innerhalb derer, die schon in Christus sind, nicht als Heilsverleihung.

Zusammenschau

Am Abend des ersten Tages der Woche, dem Tag der Erstlinge, tritt der Auferstandene in die Mitte der Seinen.
Er gibt Frieden, sendet sie in der Linie seiner eigenen Sendung durch den Vater, haucht – Schöpfungssprache von 1. Mose 2,7 – und bindet daran die Ansage von Sünden, die vor Gott bereits vergeben oder behalten sind.

Das ist weder Pfingsten noch die Gründung des Leibes Christi noch ein fortpflanzbares Sündenvergebungsamt.
Es ist die Ausrüstung des Jüngerkreises Israels für das Zeugnis, das in der Apostelgeschichte zuerst Jerusalem gilt. Die Lehrbriefe setzen später an:
Versöhnung vollbracht, Geheimnis offenbart, ein Leib, Dienst der Gesandten an Christi Statt.

Wer „Ostern“ sagt, redet kirchlich unbiblisch.
Die Schrift sagt: der erste Tag der Woche,
der Auferstehungstag, der Tag der Erstlinge.
An diesem Tag geschieht Johannes 20,21–23.

Johannes 20,21–23

V. 21
εἰρήνη ὑμῖν· καθὼς ἀπέσταλκέν με ὁ πατήρ, κἀγὼ πέμπω ὑμᾶς.
eirēnē hymin; kathōs apestalken me ho patēr, kagō pempō hymas.

V. 22
καὶ τοῦτο εἰπὼν ἐνεφύσησεν καὶ λέγει αὐτοῖς· λάβετε πνεῦμα ἅγιον.
kai touto eipōn enephysēsen kai legei autois: labete pneuma hagion.

V. 23
ἄν τινων ἀφῆτε τὰς ἁμαρτίας ἀφέωνται αὐτοῖς, ἄν τινων κρατῆτε κεκράτηνται.
an tinōn aphēte tas hamartias apheōntai autois, an tinōn kratēte kekratēntai.

Die übrigen Stellen aus der Auslegung

Stelle Griechisch Korrigierte Umschrift
Joh 20,1.19 τῇ μιᾷ σαββάτων tē mia sabbatōn
1. Mose 2,7 LXX ἐνεφύσησεν εἰς τὸ πρόσωπον αὐτοῦ πνοὴν ζωῆς enephysēsen eis to prosōpon autou pnoēn zōēs
Hes 37,9 LXX ἐνεφύσησον εἰς τοὺς νεκρούς enephysēson eis tous nekrous
Offb 1,10 κυριακὴ ἡμέρα kyriakē hēmera
1. Kor 15,45 πνεῦμα ζωοποιοῦν pneuma zōopoioun
 
Richtigstellung
  • eipon statt eipōn (εἰπὼν hat Omega)
  • enephysesen statt enephysēsen (η)
  • aphete / kratete / kekratentai / apheontai ohne die Längen: richtig aphēte, kratēte, kekratēntai, apheōntai
  • tinon statt tinōn
  • pater / kago / pempo / eirene / kathos ohne Längen: patēr, kagō, pempō, eirēnē, kathōs
  • pnoen zoes / prosopon statt pnoēn zōēs / prosōpon

Spiritus asper (ἁ, ὑ, ἑ) gebe ich als h- wieder (hymin, hamartias, hagion, ho). Das iota subscriptum in τῇ lasse ich in der Umschrift ungeschrieben (tē), wie üblich.

Hans hat auf diesen Beitrag reagiert.
Hans



IN CHRISTO!
HANS PETER WEPF
BIBELKREIS.CH
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