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Messianische Juden/Christen

Liebe Freunde

Messianische Juden oder messianische Christen, wie  sind ihre Glaubensbekenntnisse?

Gibt es auch solche, die den Herrn Jesus als den ewigen Sohn Gottes anerkennen?

Liebe Grüsse

Martin K.

Messianische Bewegungen

Die messianische Bewegung steht an der Schnittstelle zwischen Judentum und Christentum.
Messianische Juden erkennen Jesus, den sie Jeschua nennen, als den verheissenen Messias Israels an.
Im Gegensatz zum klassischen Christentum behalten sie ihre jüdische Identität bei – sie feiern den Schabbat, halten die biblischen Feste wie Pessach und beschneiden ihre Söhne. !!![...]
Die große Mehrheit dieser Bewegung bekennt Jeschua als ewigen Sohn Gottes und als Teil der Gottheit.
Sie glauben an seine Präexistenz vor der Schöpfung und dass er vollkommen Gott und vollkommen Mensch ist. Eine kleine Minderheit ringt jedoch mit dem Konzept der Dreifaltigkeit, da es ihnen zu griechisch-philosophisch erscheint.

Die Tora wird nicht als Mittel zur Errettung verstanden – diese kommt allein durch Gnade. Aber sie dient als Lebensweisung und Ausdruck jüdischer Identität. Messianische Juden sehen die Bibel als untrennbare Einheit. Daher kann das Neue Testament das Alte nicht einfach abschaffen. Sie interpretieren Epheser 2,14 anders als die klassische Kirche: Nicht die Tora selbst wurde abgetan, sondern der Zaun der Feindschaft zwischen Juden und Nichtjuden. Jesus hat das System der Trennung beseitigt, nicht die Gebote Gottes.

Diese Position fordert die traditionelle Substitutionstheologie heraus, wonach die Kirche das alte Israel ersetzt hat.
Die Spannungen bleiben:
Ist das moderne messianische Judentum eine Form des Judaisierens, das Paulus ablehnte?
Oder die Wiederentdeckung der jüdischen Wurzeln des Glaubens? Die Antwort ist komplex – und zutiefst faszinierend.

Lieber Martin
ich habe mich im Web zur Häresie = Sekt →   Parteiung "Messianische Juden oder messianische Christen" umgesehen.
Das Thema der messianischen Bewegungen ist faszinierend, da es sich an der Schnittstelle zwischen Judentum und Christentum bewegt.
Die Begriffe „Messianische Juden“ und „Messianische Christen“ werden oft synonym verwendet, bezeichnen aber meist Menschen jüdischer Herkunft,
die Jesus (hebräisch Jeschua) als den verheissenen Messias Israels anerkennen.

Hier ist ein Überblick über ihre Glaubensüberzeugungen und die Antwort auf deine Frage zur Gottheit Jesu.


1. Die Vielfalt der Bekenntnisse

Es gibt kein „einzelnes“ messianisches Lehramt, daher variieren die Bekenntnisse. Dennoch teilen manche Gruppen folgende Grundpfeiler:

  • Jeschua als Messias: Das zentrale Element ist der Glaube, dass Jesus die Prophezeiungen des Alten Testaments (Tanach) erfüllt hat.

  • Weitere Gruppen sind klar Arianische Antichristlich
  • Beibehaltung der jüdischen Identität: Im Gegensatz zum klassischen Übertritt zum Christentum behalten sie jüdische Traditionen bei.
    Sie feiern den "Schabbat",
    halten die biblischen Feste (Pessach, Sukkot etc.)
    und beschneiden ihre Söhne. [....]

  • Die Tora: Die Rolle der Tora wird unterschiedlich interpretiert. Viele sehen sie als wertvolle Lebensweisung, aber nicht als Mittel zur Errettung (die allein durch Gnade erfolgt).


2. Die Anerkennung Jesu als „ewiger Sohn Gottes“

Ja, die grosse Mehrheit der messianischen Juden erkennt Jeschua (Jesus) als den ewigen Sohn Gottes und als Teil der Gottheit an.

Innerhalb der Bewegung gibt es jedoch ein Spektrum an Arianismus Antichristen

Die Mehrheitsmeinung (Trinitarisch)

Die meisten grossen messianischen Dachverbände (wie die International Messianic Jewish Federation
oder die Messianic Jewish Alliance of America) vertreten ein Glaubensbekenntnis, das dem klassischen christlichen Dogma sehr nahekommt.
Sie glauben:

  • Dass Jeschua präexistent war (schon vor der Schöpfung existierte).

  • Dass er das fleischgewordene Wort Gottes (Logos) ist.

  • Dass er vollkommen Gott und vollkommen Mensch ist.

Die „unitarische“ oder „monolatrische“ Minderheit

Es gibt eine kleinere Gruppe innerhalb der Bewegung, die mit dem Begriff der „Dreifaltigkeit“ ringt,
weil sie ihn als zu griechisch-philosophisch und unvereinbar mit dem jüdischen Schma Jisrael („Höre Israel, der Herr ist Einer“) empfindet.
Diese Gruppen:

  • Sehen Jesus oft als den „höchsten Gesandten“ oder eine Art „Emanation“ Gottes.

  • Vermeiden die klassische Christliche Sprache, lehnen aber seine Messianität nicht ab.


3. Vergleich der Sichtweisen

Aspekt Klassisches Christentum  Messianisches Judentum (Mehrheit)
Gottessohnschaft Ewiger Sohn, wesenseins mit dem Vater. Ewiger Sohn, das „Wort“ (Memra) Gottes.
Feiertage Sonntag, Weihnachten, Ostern.
Die Bibeltreuen feiern
keine solchen Weltfest
Schabbat, biblische Feste (Levitikus 23).
Heilslehre Allein durch Glauben an Christus. Allein durch Glauben an Jeschua.
Identität Christlich / Heidenchristlich. Jüdisch (bleibt Israel zugehörig).

Zusammenfassend lässt sich sagen:
Wenn du nach Messianern suchst, die Jesus als den ewigen Sohn Gottes bekennen, wirst du tw. fündig.
Sie nutzen oft hebräische Begriffe wie Ben HaElohim (Sohn Gottes), um dieselbe Realität auszudrücken,
die auch in den christlichen Glaubensbekenntnissen (wie dem Nicänum) festgehalten ist.
Ja, das ist tatsächlich einer der spannendsten und zugleich komplexesten Aspekte dieser Bewegung.
Die Vereinbarung von Glaube (Emunah) und Taten (Mitzvot) wird im messianischen Judentum oft durch das Konzept der „toratreuen Nachfolge“ gelöst.

Hier sind die zentralen Säulen, wie sie die Tora im Alltag leben, während sie gleichzeitig an Jeschua als Erlöser festhalten:

1. Die Motivation: Identität statt Verdienst

Der entscheidende Unterschied zum gesetzlichen Verständnis ist die Motivation. Messianische Juden halten die Gebote meist nicht um dadurch das Heil zu erlangen (dies geschieht allein durch die Gnade Gottes in Jeschua), sondern um:

  • Ihre jüdische Identität zu bewahren.

  • Gehorsam gegenüber Gott als Ausdruck der Liebe zu zeigen.

  • Ein prophetisches Zeichen für die Treue Gottes zu seinem Bund mit Israel zu sein.

2. Praktische Umsetzung im Alltag

Im Alltag sieht das oft sehr konkret aus und unterscheidet sich deutlich vom klassischen Christentum:

  • Speisegebote (Kaschrut):
    Viele essen kein Schweinefleisch oder Schalentiere (nach Levitikus 11). Einige halten sich strikt an die rabbinischen Trennungsregeln von Milch und Fleisch, andere orientieren sich nur am biblischen Text.

  • Der Schabbat:
    Er wird als Ruhetag von Freitagabend bis Samstagabend gefeiert – oft mit Kerzenzünden, Kiddusch (Segen über den Wein) und dem Besuch eines Gottesdienstes in einer messianischen Gemeinde.

  • Zyklen des Lebens:
    Feste wie Jom Kippur (Versöhnungstag) werden begangen, allerdings mit dem Bewusstsein, dass das endgültige Opfer durch "Jeschua" bereits erbracht wurde. Es ist dann eher ein Tag der Besinnung und Fürbitte.

3. Die theologische Brücke: Das „Gesetz des Messias“

Messianische Theologen verweisen oft auf das Neue Testament (besonders den Hebräerbrief oder Matthäus 5,17), um zu erklären, dass "Jeschua" die Tora nicht abgeschafft, sondern „erfüllt“ hat.
Das griechische Wort pleroo wird hier oft als „mit Sinn füllen“ oder „vollständig auslegen“ interpretiert.

4. Spannungsfelder  (Aus dem Web)

Nicht alle messianischen Juden leben gleich. Es gibt ein breites Spektrum:

  1. Toratreue (Torah-positive) Gruppen: Sie halten fast alle jüdischen Gebote und sehen sich als Teil des jüdischen Volkes, das lediglich den Messias erkannt hat.

  2. Freiere Gruppen: Sie sehen die Tora eher als kulturelles Erbe und entscheiden individuell, welche Bräuche sie pflegen, wobei der Fokus stärker auf allgemein-evangelikalen Inhalten liegt.

Ein besonderes Spannungsfeld ist das Verhältnis zu den mündlichen Überlieferungen (Talmud).
Während das orthodoxe Judentum die mündliche Lehre als bindend ansieht, betrachten messianische Juden sie oft als wertvolle Tradition, die aber unter der Autorität der Heiligen Schrift steht.

Findest du es nachvollziehbar, dass man die jüdischen Gesetze hält, obwohl man glaubt, dass die Errettung allein durch den Glauben kommt, oder wirkt das für dich wie ein Widerspruch?

Das ist eine ausgezeichnete Frage, denn Epheser 2,14 ist einer der Texte, bei denen die Interpretation zwischen klassischen Christen und messianischen Juden am stärksten auseinandergeht.

In der Lutherbibel heißt es dort:

„Denn er ist unser Friede, der aus beiden eines gemacht hat und hat den Zaun abgebrochen, der dazwischen war, nämlich die Feindschaft, indem er durch sein Fleisch das Gesetz mit seinen Geboten und Satzungen abtat.“

Die klassische christliche Interpretation

Lange Zeit wurde dieser Vers so gedeutet, dass Jesus die Tora (das Gesetz) buchstäblich abgeschafft hat. Der „Zaun“ wird als das jüdische Gesetz verstanden, das Juden von Nichtjuden trennte. Nach dieser Lesart ist die Tora nun hinfällig, und Jude und Heide verschmelzen zu einer neuen, „gesetzfreien“ Einheit.

Die messianische Interpretation

Messianische Juden sehen das völlig anders. Sie argumentieren, dass Gott seine ewigen Bündnisse mit Israel nicht bricht. Ihre Auslegung von Epheser 2,14 lässt sich in drei Punkten zusammenfassen:

1. Was war der „Zaun“?

Messianische Gelehrte betonen oft, dass Paulus hier nicht die Tora Gottes an sich meint, sondern den „Soreg“ (einen physischen Zaun im Tempel, der Nichtjuden den Zutritt zum inneren Vorhof verbot) und die damit verbundenen rabbinischen Auslegungen der damaligen Zeit.

  • Der Zaun symbolisiert die Feindschaft und die soziale Barriere, die Nichtjuden als „unrein“ ausschloss.

  • Nicht die Gebote Gottes waren das Problem, sondern ihre Nutzung als Werkzeug der Ausgrenzung.

2. Das Ende der „Satzungen“ (Dogmata)

Im griechischen Grundtext NA  steht für „Satzungen“ das Wort dogmasin.
Messianische Juden interpretieren dies oft als die spezifischen rechtlichen Dekrete der damaligen religiösen Instanzen, die den Übertritt von Nichtjuden zum Glauben an den Gott Israels extrem erschwerten.

  • "Jeschua" hat demnach nicht die Ethik oder die Feiertage abgeschafft, sondern das System der Trennung, das Nichtjuden zu Menschen zweiter Klasse machte.

3. „Ein neuer Mensch“ – nicht eine neue Religion

Paulus schreibt, dass Gott aus beiden (Juden und Nichtjuden) „einen neuen Menschen“ geschaffen hat.

  • Aus messianischer Sicht bedeutet das: Der Nichtjude muss kein Jude werden (Beschneidung etc. zum Zweck der Rettung), und der Jude muss kein Nichtjude werden (Aufgabe seiner Identität).

  • Beide haben nun durch den Geist den gleichen Zugang zum Vater. Die Mauer ist weg, aber die Vielfalt innerhalb des Volkes Gottes bleibt bestehen.

Zusammenfassung der Sichtweise

Für einen messianischen Juden sagt Epheser 2,14:
"Jeschua" hat die Feindschaft getötet, nicht die Tora.“
Sie illustrieren das oft so: Wenn eine Mauer zwischen zwei Gärten abgerissen wird, entsteht ein großer gemeinsamer Raum.
Aber die Pflanzen, die ursprünglich im „jüdischen Garten“ wuchsen (die Mitzvot), werden dadurch nicht ausgerissen –
sie sind nun nur auch für die andere Seite sichtbar und die Trennung in „rein“ und „unrein“ spielt für den Status vor Gott keine Rolle mehr.

Die Tora ist Teil des Wortes Gottes auch Grundlage des NT.

Das ist der entscheidende Punkt, der die messianische Theologie so spannend und gleichzeitig spannungsgeladen macht.
Du triffst hier den Kern des Arguments: Wenn man die Bibel als eine untrennbare Einheit sieht, kann das Neue Testament (NT) das Alte Testament (AT/Tora) nicht einfach „abschaffen“, ohne sich selbst die Grundlage zu entziehen.

Messianische Juden und Christen, die diese Sicht teilen, argumentieren oft mit folgender Logik:

1. Die Tora als Fundament

Ohne die Tora gäbe es keine Definition von Sünde, kein Konzept eines Opfers zur Sühne und keine Verheißung eines Messias.

  • Logik: Wenn man das Fundament eines Hauses entfernt, stürzt das erste Stockwerk (das NT) ein.

  • Zitat Jesu: In Matthäus 5,17–18 betont er ausdrücklich, dass „nicht ein Jota oder ein Strichlein“ vom Gesetz vergehen wird, bis alles geschieht.

2. „Abtun“ vs. „Ziel der Tora“

Das Wort, das in vielen Übersetzungen von Epheser 2,14 oder Römer 10,4 mit „Ende“ oder „abgetan“ wiedergegeben wird, ist im Griechischen telos.

  • Messianische Ausleger sagen: Telos bedeutet nicht „Stopp“ oder „Aus“, sondern „Ziel“ oder „Erfüllung“.

  • Beispiel: Das Ziel (Telos) einer Reise ist die Ankunft. Die Reise ist damit nicht „falsch“ oder „gelöscht“, sondern sie hat ihren Zweck erreicht.
    "Jeschua" ist demnach das Ziel, auf das die Tora immer hingedeutet hat.

3. Der „Neue Bund“ (Jeremia 31)

Ein häufiges Missverständnis ist, dass der „Neue Bund“ die Tora ersetzt. Im prophetischen Text bei Jeremia 31,33 steht jedoch etwas anderes:

„Ich will mein Gesetz (Tora) in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben.“

Aus messianischer Sicht ändert sich im Neuen Bund also nicht der Inhalt (Gottes Wille/Tora), sondern der Ort und die Kraft der Umsetzung:

  • Altes System: Die Tora steht auf Steintafeln (Druck von außen).

  • Neuer Bund: Die Tora steht im Herzen durch den Heiligen Geist (Motivation von innen).


Das Problem der „Umdeutung“ bleibt dennoch bestehen

Trotz dieser logischen Kette bleibt der Vorwurf der Umdeutung bei Versen wie Epheser 2,14 bestehen, weil Paulus dort sehr explizit von der Aufhebung der „Satzungen“ spricht, die trennten.

Der Konflikt lässt sich so zusammenfassen:

  • Die klassische Kirche sieht eine Diskontinuität: Das Alte ist vergangen, etwas völlig Neues ist geworden.

  • Die messianische Bewegung sieht eine Kontinuität: Das Alte wird durch den Messias vertieft, belebt und für alle Völker zugänglich gemacht, ohne seine Gültigkeit zu verlieren.

1. Das „Judaisieren“ (Galaterbrief-Problem)

Für viele christliche Theologen ist das messianische Judentum eine moderne Form des Judaisierens, gegen das Paulus im Galaterbrief so scharf gewettert hat.

  • Die Kritik: Wenn man wieder anfängt, Speisegebote zu halten oder den Schabbat zu feiern, entwertet man (laut dieser Sicht) das Kreuz Christi. Man versucht, durch „Werke des Gesetzes“ eine besondere Heiligkeit zu erlangen.

  • Das messianische Gegenargument: Sie sagen, sie tun es nicht für das Heil, sondern aus Treue zur eigenen Berufung als Jude.

2. Die „Zwei-Klassen-Christenheit“?

Kritiker werfen der Bewegung oft vor, eine Mauer wieder aufzubauen, die Jesus eingerissen hat (da sind wir wieder bei Epheser 2,14).

  • Wenn es innerhalb der Gemeinde Jesu eine Gruppe gibt, die sagt: „Wir sind die Juden und leben nach der Tora“, und eine andere, die „Heidenchristen“ sind, fürchtet man eine Spaltung des Leibes Christi. Man sieht darin einen Angriff auf die Einheit, in der es „weder Jude noch Grieche“ geben soll.

3. Die Rolle der Tradition

Ein weiterer Punkt, der oft als häretisch empfunden wird, ist die Nähe mancher Gruppen zur rabbinischen Tradition.

  • Werden ausserbiblische jüdische Bräuche (wie das Tragen eines Gebetsschals/Tallit oder das Rezitieren von Gebeten aus dem Siddur) mit der Autorität der Schrift gleichgesetzt? Hier verläuft eine sehr feine Linie zwischen kultureller Wertschätzung und religiöser Vermischung (Synkretismus).


Warum es so schwer zu verarbeiten ist

Es bricht mit dem traditionellen christlichen Selbstverständnis der letzten 1.900 Jahre.
Die "Kirche"...  hat sich lange als das „neue Israel“ definiert, das das „alte Israel“ ersetzt hat (Substitutionstheologie).
Das messianische Judentum fordert dieses Konzept frontal heraus, indem es behauptet: „Israel ist immer noch Israel, und die Tora ist nicht tot.“

Nimm dir die Zeit, das zu sortieren. Es rüttelt an den Grundfesten dessen, wie das Verhältnis von Altem und Neuem Testament traditionell gelehrt wurde.

Nachsatz:
was hat es für theologische Konsequenzen wenn Christen ihre Söhne beschneiden?

Die Frage nach den theologischen Konsequenzen, wenn Christen ihre Söhne beschneiden,
ist tatsächlich komplexer, als sie auf den ersten Blick wirkt.
Sie berührt Identität, Tradition, Bibelauslegung und das Verhältnis zwischen Christentum und Judentum.

Kurzantwort

Für die meisten christlichen Traditionen hat die Beschneidung keine theologische Bedeutung mehr. Sie gilt als nicht heilsrelevant, da Christen nach dem Neuen Testament nicht durch das Gesetz, sondern durch Christus zum Gottesvolk gehören.
Wenn Christen ihre Söhne beschneiden, wird das daher meist als kulturelle oder medizinische Entscheidung verstanden – nicht als religiöse Pflicht.

 

1. Biblische Grundlage: Warum Christen nicht mehr verpflichtet sind

Im Neuen Testament wird die Beschneidung zu einem zentralen Streitpunkt. Die entscheidenden Texte:

  • Apostelgeschichte 15 (Apostelkonzil)
    Die Apostel entscheiden: Heidenchristen müssen nicht beschnitten werden, um vollwertige Christen zu sein.
  • Paulus (Galaterbrief, Römerbrief)
    Paulus argumentiert leidenschaftlich, dass:
  • Beschneidung keine Voraussetzung für die Zugehörigkeit zu Gott ist.
  • Die wahre Beschneidung am Herzen geschieht (Röm 2,29).
  • Wer Beschneidung als Heilsweg fordert, „trennt sich von Christus“ (Gal 5,2–4).

Damit ist die Beschneidung theologisch entpflichtet.

 

2. Was bedeutet es, wenn Christen trotzdem beschneiden?

A. Keine Sünde – aber auch kein religiöser Gewinn

Die meisten Kirchen lehren:

  • Beschneidung ist erlaubt, aber theologisch bedeutungslos.
  • Sie bringt keinen geistlichen Vorteil.
  • Sie ist keine Taufe, kein Bundeszeichen und kein Sakrament.

B. Wenn Christen es aus religiösen Gründen tun

Hier wird es heikel.

Wenn Christen ihre Söhne beschneiden, um damit einen Bund mit Gott zu schliessen, entsteht ein theologisches Problem:

  • Es könnte so wirken, als sei Christus nicht genug.
  • Es könnte die Gnade durch Gesetzeswerke ersetzen.
  • Es widerspricht der paulinischen Lehre, dass der neue Bund nicht an die Beschneidung gebunden ist.

Das wäre aus Sicht vieler Kirchen eine Verwirrung der Bundeszeichen.

 

3. Unterschiedliche christliche Traditionen

Katholische Kirche

  • Beschneidung ist erlaubt, aber nicht religiös notwendig.
  • Wenn sie aus medizinischen oder kulturellen Gründen geschieht: kein Problem.
  • Wenn sie als religiöse Pflicht verstanden wird: theologisch falsch.

Evangelische Kirchen

  • Sehr ähnlich: Beschneidung ist frei, aber nicht heilsrelevant.
  • Starke Betonung auf Paulus: „In Christus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas“ (Gal 6,15).

Orthodoxe Kirchen

  • Ebenfalls keine Pflicht.
  • Historisch gab es mehr Nähe zu jüdischen Traditionen, aber keine religiöse Beschneidung.

Messianische Christen

  • Manche praktizieren Beschneidung als kulturelle Identität, nicht als Heilsweg.
  • Theologisch umstritten.

 

4. Praktische Konsequenzen

Wenn Christen ihre Söhne beschneiden, kann das bedeuten:

Neutral / unproblematisch

  • kulturelle Gründe (z. B. USA)
  • medizinische Gründe
  • familiäre Tradition

Theologisch problematisch

  • wenn es als Pflicht verstanden wird
  • wenn es als Bundeszeichen anstelle der Taufe gesehen wird
  • wenn es als Heilsnotwendigkeit gedeutet wird

 

5. Ein nicht zu unterschätzender Punkt: Verhältnis zum Judentum

Die Beschneidung ist im Judentum ein heiliges Bundeszeichen.
Wenn Christen sie religiös übernehmen, kann das als Aneignung oder Vermischung der Bünde wahrgenommen werden.

Das Christentum sieht sich nicht als Fortsetzung des jüdischen Bundeszeichens, sondern als neuen Bund in Christus.

 

Fazit

Die theologische Konsequenz hängt davon ab, warum Christen beschneiden:

  • Aus kulturellen oder medizinischen Gründen:
    → Keine theologische Bedeutung, kein Problem.
  • Aus religiösen Gründen:
    → Widerspruch zur neutestamentlichen Lehre, dass die Zugehörigkeit zu Gott nicht an die Beschneidung gebunden ist.
    → Kann als Rückfall in Gesetzesfrömmigkeit verstanden werden.

Martin K. hat auf diesen Beitrag reagiert.
Martin K.



IN CHRISTO!
HANS PETER WEPF
BIBELKREIS.CH
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