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"Rühre mich nicht an" Johannes 20.17 vergleiche → 20.27

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Die Stelle Johannes 20,17    YT Rühre mich nicht an

Joh 20,17 Jesus spricht zu ihr:
Rühre mich nicht an, denn ich bin noch nicht aufgefahren zu [meinem] Vater.
Geh aber hin zu meinen Brüdern und sprich zu ihnen:
Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, und zu meinem Gott und eurem Gott.       

Brüdern: Mt 28,10; Hebr 2,11; Hebr 2,12 Vater: Joh 14,2-3; Joh 14,28; Röm 8,14-16 Gott: Eph 1,17; Ps 31,15; Jes 41,10; Jer 31,33; Hebr 11,16

steht in der  Bibelstunde genau an der Schwelle:
Maria hat den Auferstandenen erkannt, will Ihn festhalten wie zuvor –
und der Herr weist sie auf eine neue Ordnung hin.
Das muss man vom griechischen Wortlaut her und im Vergleich der Evangelien unterscheiden,
sonst vermischt man irdisches Festhalten, messianische Sendung und das Verhältnis zum Vater.

Der griechische Wortlaut – mit der entscheidenden Variante

Kritischer Text (Nestle-Aland / SBL / Westcott-Hort; so auch Codex Sinaiticus א, Vaticanus B, Bezae D, Washingtonianus W):

λέγει αὐτῇ Ἰησοῦς· μή μου ἅπτου, οὔπω γὰρ ἀναβέβηκα πρὸς τὸν πατέρα·
πορεύου δὲ πρὸς τοὺς ἀδελφούς μου καὶ εἰπὲ αὐτοῖς·
ἀναβαίνω πρὸς τὸν πατέρα μου καὶ πατέρα ὑμῶν καὶ θεόν μου καὶ θεὸν ὑμῶν.

Übersetzung der Wörter:

  • μή μου ἅπτου (mē mou haptou) – hör auf, dich an mich zu klammern / halte mich nicht fest
  • οὔπω γὰρ ἀναβέβηκα (oupō gar anabebēka) – denn ich bin noch nicht hinaufgestiegen (Perfekt: der Vorgang ist noch nicht abgeschlossen)
  • πρὸς τὸν πατέρα (pros ton patera) – zum Vater
  • πορεύου δὲ πρὸς τοὺς ἀδελφούς μου (poreuou de pros tous adelphous mou) – geh aber zu meinen Brüdern
  • ἀναβαίνω (anabainō) – ich steige hinauf (Präsens: der Aufstieg ist im Gang)
  • πρὸς τὸν πατέρα μου καὶ πατέρα ὑμῶν (pros ton patera mou kai patera hymōn) – zu meinem Vater und eurem Vater
  • καὶ θεόν μου καὶ θεὸν ὑμῶν (kai theon mou kai theon hymōn) – und zu meinem Gott und eurem Gott

Textus Receptus / Mehrheitstext / Schlachter 2000 setzen beim ersten Vorkommen ein μου ein:

… οὔπω γὰρ ἀναβέβηκα πρὸς τὸν πατέρα μου …

Genau das ist die Stelle. Die ältesten alexandrinischen Zeugen lassen das erste «μου» weg.
P66 (um 200 n. Chr.) und die byzantinische Mehrheit haben es.
Elberfelder 1905 setzt in manchen Ausgaben deshalb Klammern: «zu [meinem] Vater». Schlachter 2000 schreibt unklammert «zu meinem Vater» und folgt damit dem TR.

Das zweite «μου» («zu meinem Vater und eurem Vater») steht in allen Textformen.
Die Hinzufügung betrifft also nur die Begründung:
«denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater» –
nicht die Botschaft an die Brüder.

«Rühre mich nicht an» ist zu schwach und missverständlich

ἅπτομαι (haptomai) heisst berühren, anfassen, sich festmachen, sich klammern.
μή + Präsens-Imperativ bedeutet: hör auf mit einer Handlung, die gerade stattfindet.
Es ist kein grundsätzliches Berührungsverbot («noli me tangere» im Sinne von «fass mich nie an»).

Maria hält Ihn fest.
Der Herr sagt: Lass los. Nicht weil Sein Leib unberührbar wäre (Thomas darf acht Tage später die Wunden betasten, Joh 20,27: φέρε τὸν δάκτυλόν σου ὧδε … βάλε εἰς τὴν πλευράν μου),
sondern weil die alte irdische Nähe nicht mehr die Form der Beziehung ist.

In Matthäus 28,9 umfassen die Frauen Seine Füße (ἐκράτησαν αὐτοῦ τοὺς πόδας) und beten an
– dort kein Verbot. Johannes setzt einen anderen Akzent:
nicht Anbetung der Füße, sondern Loslassen, weil der Aufstieg zum Vater im Gang ist.

Die Botschaft: «meine Brüder» und der Aufstieg

Zum ersten Mal nennt der Auferstandene die Jünger «meine Brüder» (τοὺς ἀδελφούς μου).
Das knüpft an Matthäus 28,10 an («geht hin, verkündigt meinen Brüdern»),
wird bei Johannes aber mit der Auffahrt verbunden.

Zwei Zeitformen stehen nebeneinander:

  • Perfekt: οὔπω ἀναβέβηκα – ich bin noch nicht hinaufgestiegen
  • Präsens: ἀναβαίνω – ich steige (jetzt) hinauf

Der Aufstieg ist begonnen, aber noch nicht abgeschlossen.
Maria soll nicht den irdischen Messias festhalten, der bei Israel bleibt, sondern die Botschaft tragen: Er geht zum Vater.

Hier liegt die johanneische Pointe. Johannes braucht «ὁ πατήρ» (der Vater) und «ὁ πατήρ μου» (mein Vater) durchgehend als Titel des Sendenden, nicht als familiäre Anrede im menschlichen Sinn.
«Euer Vater» sagt der johanneische Jesus positiv nur hier.
In 8,42 ist «euer Vater» sogar polemisch («wenn Gott euer Vater wäre…»).
20,17 ist also die einzige Stelle, an der Er die Jünger ausdrücklich in dasselbe Vater-Verhältnis einbezieht
– und selbst dann trennt Er bewusst: «meinen Vater und euren Vater», nicht «unseren Vater».

Das ist kein Familienidyll.
Es ist messianisch-heilsgeschichtlich:
Der Gesandte kehrt zum Sendenden zurück (vgl. Joh 13,1.3; 14,12.28; 16,5.10.28; 17,11.13).
Die Jünger werden «Brüder», weil sie durch Ihn Anteil am Verhältnis zum Vater bekommen –
nicht weil Jesus jetzt einfach «einer von uns» wäre.
Die Unterscheidung bleibt: Er ist der einzigartige Sohn; sie werden Kinder durch Ihn.

«Mein Gott und euer Gott» unterstreicht dasselbe:
Auch der Auferstandene redet vom Vater als Seinem Gott (vgl. Offb 3,2.12).
Das ist keine Minderung der Gottheit des Sohnes,
sondern die bleibende Unterscheidung von Sendendem und Gesandtem.

Die anderen Evangelien –
dieselbe Sequenz, anderer Akzent

Matthäus 28,9–10
Die Frauen halten die Füsse und beten an.
Jesus: «Fürchtet euch nicht!
Geht hin, verkündigt meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen…»
Kein «halte mich nicht fest»,
kein Wort vom Aufstieg zum Vater.
Der Auftrag zielt auf Galiläa und die Begegnung dort (28,16–20).

Markus 16,9 
Er erschien zuerst der Maria Magdalena.
Keine Rede, kein «rühre nicht an».

Lukas 24
Keine Einzelbegegnung mit Maria Magdalena dieser Art.
Die Frauen am Grab hören die Engel;
Der Herr Jesus erscheint den zweien nach Emmaus und dann den Elf.
Dort sagt Er ausdrücklich:
«Betastet mich und seht» (ψηλαφήσατέ με καὶ ἴδετε, 24,39)
– das Gegenteil von Joh 20,17, aber an Zweifler, nicht an die Erkennende.

Johannes isoliert die Begegnung mit Maria und macht daraus die theologische Schwelle:
vom irdischen «Rabbuni» (Lehrer) zum Botenauftrag und zur Auffahrt.
Die Synoptiker betonen Erscheinung, Anbetung, Galiläa bzw. Jerusalem.
Johannes betont den Übergang.

Zur Textus-Receptus-Frage

Der TR (und damit Schlachter 2000) hat an dieser Stelle das erste «μου». Das ist eine alte Lesart (schon P66), aber gegenüber א B D W eine Erweiterung. Solche erklärenden Zusätze («mein» zur Verdeutlichung) sind im byzantinischen Strom und im TR häufig. Der TR weicht vom Mehrheitstext selbst an rund 1800–2000 Stellen ab; ein Teil davon sind Harmonisierungen und glättende Hinzufügungen. «Mindestens 2000 unbiblische Hinzufügungen» ist als pauschale Zahl übertrieben – viele Varianten sind belanglos –, aber die Tendenz zu erklärenden Erweiterungen ist real. Hier ändert «meinem Vater» in der Begründung den Ton: aus «zum Vater» (absoluter Titel, johanneisch typisch) wird «zu meinem Vater» (persönliche Besitzangabe schon in der Begründung). Die Botschaft an die Brüder bleibt davon unberührt.

Elberfelder 1905 2023 ist hier ehrlicher, wenn sie das erste «meinem» in Klammern setzt oder zumindest die Unsicherheit sichtbar macht.

Kurz:
Maria soll nicht den irdischen Umgang festhalten.
Der Herr geht zum Vater.
Die Jünger werden Brüder,
weil sie durch den Auferstandenen und Auffahrenden Anteil am Vater bekommen
– «meinen Vater und euren Vater», bewusst getrennt, messianisch, nicht familiär verwischt.
Das ist die Sequenz, die Johannes allein so scharf zieht. 
*-*

Die vier Evangelien erzählen denselben Herrn, aber nicht dieselbe Perspektive. Matthäus, Markus und Lukas schauen «mit einem Blick» (Synoptiker); Johannes steht bewusst daneben. Viele vermischen das und lesen dann Joh 20,17 so, als stünde er in Matthäus.

Punkt Matthäus Markus Lukas Johannes
1. Blickwinkel Der verheissene König / Messias Israels (Sohn Davids, Sohn Abrahams) Der Knecht, der dient und leidet (Mk 10,45) Der Menschensohn, der Suchende und Retter (Lk 19,10) Der Sohn Gottes, der vom Vater gekommen und zum Vater geht
2. Ursprüngliche Ausrichtung Juden / Schriftkundige: «damit erfüllt würde…» Römer / Handelnde: knapp, rasch, öffentlich Griechen / Theophilus: geordnete Erzählung, Weltgeschichte Glaubende: «damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus, der Sohn Gottes ist» (Joh 20,31)
3. Anfang Stammbaum + Geburt des Königs; Erfüllung der Schrift Keine Kindheit. Johannes der Täufer, Taufe, sofort der Dienst Vorgeschichte mit Elisabeth, Maria, Zacharias; Weltchronik (Lk 2,1; 3,1) Ewiger Logos: «Im Anfang war das Wort» (Joh 1,1) – vor Bethlehem
4. Stammbaum Von Abraham über David zu Jesus (königliche Linie, juristisch über Joseph) Keiner Von Jesus über Adam zu Gott (Menschensohn für alle) Keiner. Herkunft: «der Eingeborene, der in des Vaters Schoss ist» (Joh 1,18)
5. Schlüsselwort «Reich der Himmel» (basileia tōn ouranōn) – bewusst «Himmel», nicht bloss «Gott» εὐθύς / «sogleich» (etwa 40-mal): Tempo, Tat, Weg zum Kreuz Gnade, Barmherzigkeit, Arme, Verlorene, Gebet, Heiliger Geist «glauben», «Leben», «Licht», «Wahrheit», «der Vater», «Ich bin» (egō eimi)
6. Aufbau Fünf grosse Redenblöcke (Bergpredigt, Aussendung, Gleichnisse, Gemeinde, Ölberg) Handlungskette: Wunder – Unverständnis der Jünger – Leiden Reisebericht nach Jerusalem (Lk 9,51–19,27) + Gleichnisse der Barmherzigkeit Zeichen (sēmeia) + Reden; oft Jerusalem, nicht nur Galiläa; Fusswaschung statt Abendmahlsbericht
7. Sondergut (nur hier) Bergpredigt in dieser Form, Weisen aus dem Morgenland, Kindermord, Kirche (ekklēsia nur bei Mt), Endgericht der Völker (Mt 25) Fast nichts Eigenes. Kürzestes Evangelium. Rohheit und Geheimnis des Messias Weihnachtserzählung, Verlorener Sohn, Barmherziger Samariter, Zachäus, Emmaus, Magnifikat Nikodemus, Samariterin, Lazarus, «Ich-bin»-Worte, Abschiedsreden (Joh 13–17), Thomas, Joh 20,17
8. Israel / Gesetz / Reich Stark: Gesetz nicht aufzulösen (Mt 5,17); zuerst zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel (Mt 10,5–6; 15,24); Reich der Himmel als Thema Reich Gottes ist nahegekommen (Mk 1,15); wenig Gesetzesdiskurs, viel Vollmacht Reich Gottes; Heiden, Arme, Frauen, Zöllner im Blick; Heilsgeschichte von Israel zu den Völkern Kaum «Reich Gottes» (nur Joh 3,3.5; 18,36). Stattdessen ewiges Leben jetzt. Der Vater sendet den Sohn; Israel «die Seinen» nehmen Ihn nicht auf (Joh 1,11)
9. Jünger und Verstehen Jünger sollen lehren, halten, taufen (Mt 28,19–20) Jünger verstehen oft nicht; Furcht; Messiasgeheimnis Jünger beten, preisen; Frauen sehr sichtbar; historisch sorgfältig Jünger werden «Brüder»; der Geist wird lehren; Glauben ohne Sehen (Joh 20,29)
10. Ostern und Abschluss Frauen halten die Füsse und beten an (Mt 28,9). Auftrag: «meinen Brüdern» → Galiläa → Völker Längerer Schluss textkritisch umstritten. Kurz: Grab leer, Furcht Emmaus, «betastet mich», Himmelfahrt angedeutet (Lk 24; Apg 1) Maria: «halte mich nicht fest» (μή μου ἅπτου), weil Er zum Vater auffährt. Thomas darf berühren. Zweck: Glaube und Leben (Joh 20,31)
 
 

Drei Unterscheidungen, die man nicht vermischen sollte:

Synoptiker gegen Johannes. Matthäus, Markus und Lukas erzählen denselben Handlungsbogen (Galiläa → Jerusalem, ein Passa am Ende). Johannes hat mehrere Feste in Jerusalem, andere Wunder (Wasser zu Wein, Lazarus), andere Reden und setzt den Tod Jesu am Rüsttag des Passa. Das ist kein Widerspruch der Person, sondern anderer Zeuge, anderer Zweck.

König / Knecht / Mensch / Sohn.
Die alte Zuordnung bleibt hilfreich:
Matthäus zeigt den Messias-König Israels,
Markus den dienenden Knecht,
Lukas den wahren Menschen für Verlorene,
Johannes den vom Vater gekommenen Sohn, der wieder zum Vater geht.
Genau deshalb klingt Joh 20,17 anders als Mt 28,9:
dort Anbetung der Füsse des Königs,
hier Loslassen, weil der Sohn auffährt.

«Vater» ist nicht überall dasselbe.
Bei Matthäus spricht Jesus oft von «eurem Vater in den Himmeln» (Jünger Israels unter dem König).
Bei Johannes sagt Er fast nur «der Vater» / «mein Vater»; «euer Vater» positiv erst in 20,17 – und auch dann getrennt: «meinen Vater und euren Vater».
Das ist messianisch-heilsgeschichtlich, nicht familiär verwischt.

Kurz: Vier Zeugen, ein Herr.
Wer die vier Gesichter kennt, liest «Rühre mich nicht an» nicht mehr als Widerspruch zu Matthäus,
sondern als johanneische Schwelle: vom irdischen «Rabbuni» zum Botenauftrag und zur Auffahrt zum Vater.

 

 

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ByNino2026Martin K.



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HANS PETER WEPF
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